Erste Halbzeit Lindner - Wahlprogramm und Wirklichkeit im ORF

27. Dezember 2005, 17:10
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Schlag nach bei Lindner: Die erste Halbzeit als Generaldirektorin endet mit diesem Monat. Was kündigte die erste Frau an der ORF-Spitze in ihrem Wahlprogramm an? Was wurde wahr?

"Mein Ziel ist, die Marktführerschaft des ORF in Radio und Fernsehen im Rahmen des öffentlich-rechtlichen Programmauftrages zu festigen und nach Möglichkeit auszubauen."

Selbstbewusst begann Monika Lindner im Dezember 2001. Tatsächlich blieb der ORF Marktführer.

Auf satte 82 Prozent Marktanteil kommen die Radios des ORF. An der Dominanz ändert der jüngste Ausreißer von Ö3 nach unten wenig. Im Internet liegt ORF On unter redaktionellen Angeboten ganz vorne.

44 Prozent Marktanteil schafften ORF 1 und 2 im Mai in Kabel- und Satellitenhaushalten. Größter privater Konkurrent: RTL mit 6,4 Prozent.

Aber: Die Fernsehmarktanteile brechen seit rund einem Jahr fast jeden Monat um mehrere Prozentpunkte ein. Fußball-EM, Olympische Spiele und "Expedition Österreich" sollen über den Sommer wieder Aufwind verschaffen.

"Die Fernsehprogramme müssen sich deutlich erkennbar von kommerziellen Anbietern ausländischer und inländischer Herkunft unterscheiden." Bei Ö3 hat man mit freiem Auge Probleme. Auch bei ORF 1 fällt das nicht leicht, sieht man von radikal patriotischen Sportkommentaren ab.

Unter Lindner setzte der ORF mit "Newsflashes" kurze österreichische Info-Inseln in die Flut von Kauf- und koproduzierten Serien. Für das Kinderprogramm wurde der "Forscher-Express" mit dem unvermeidlichen Thomas Brezina entwickelt. Zudem "Level 5", das mit einigen Startschwierigkeiten kämpfte. Jugend mit "25" zu fesseln, versuchte man lange Zeit vergebens (Medien-Journal unten).

"Dismissed" von MTV und "Bachelor" mit RTL hoben die Unterscheidbarkeit nicht. Die "Millionenshow" bestimmt wie bei RTL den Hauptabend. Mit der gewagten Entscheidung für Armin Assinger als Moderator verlieh der Lindner-ORF dem Format eine zutiefst österreichische Note.

"Die Entwicklungsabteilung des ORF ist unter anderem Garant dafür, dass es in Zukunft eigenständige österreichische Programminnovationen geben wird."

Der "Kurier" fand das Vorbild von "Expedition Österreich" in Neuseeland. Radio Oberösterreich wanderte so schon 1985, entgegnete der ORF.

"Starmania" wandelte internationaler Castingformate etwas ab. Die Tests von Liebe und Persönlichkeit stachen aus diesem internationalen Trend kaum hervor, trotz Liebesfragen aus Österreich. "Wahre Freunde" ist zugekauft. "Bei Stöckl" adaptiert deutsche Talkformate.

Innovationen lieferte etwa David Schalko: "Sendung ohne Namen", "Sunshine Airlines", "Dorfers Donnerstalk". Neu und ebenfalls für Donnerstagabend: "Echt fett".

Erfolg hatte die Serie "Spurlos" über verschwundene Menschen. Nun folgen "Tat-Sachen" über spektakuläre Kriminalfälle.

Wenig zu merken ist davon, dass "die große Tradition des österreichischen Fernsehspiels wieder aufleben muss". Auch "verstärkte österreichische Eigenproduktionen", insbesondere "Auftragsproduktionen an heimische Film- und Fernsehfirmen" kündigte Lindner an. In einer Protestnote bezweifelten das Verbände von Filmschaffenden im Herbst 2003. Vom Küniglberg aber verlautete gerade wieder: "Mit einem Auftragsvolumen von 74,5 Millionen Euro lag das Engagement des ORF für die heimische Filmwirtschaft auf einem noch höheren Niveau als im Jahr 2002."

"Seriöse und objektive Berichterstattung" versprach Lindner und "journalistisch einwandfrei gemachte Nachrichtensendungen". Das sehen jedenfalls Opposition und Medien oft anders. Brauchten früher Affären um Söhne sozialdemokratischer Kanzler lange, bis sie in die "ZiB" fanden, so sind es nun jene um Finanzminister Karl-Heinz Grasser. Die SPÖ protestierte zuletzt gegen eine recht schwarz gehaltene Analyse von Chefredakteur Werner Mück zur EU-Wahl.

Fakt ist: Der bürgerliche Mück kontrolliert die TV-Information so zentral wie lange nicht. Erst nach massiven Protesten führte er von ihm abgeschaffte Redaktionskonferenzen wieder ein. Den direkten Draht insbesondere von ÖVP-Klubchef Wilhelm Molterer in sein Büro hat Mück dementiert.

Seit Herbst 2003 besorgen sinkende Marktanteile der "ZiB 1" manchen Stiftungsrat des ORF. Sie wurde Montag dramaturgisch und optisch aufpoliert.

Am 13. Juli startet mit "Wiesner fragt nach" ein viel versprechendes Konzept: Robert Wiesner konfrontiert Politiker mit früheren Aussagen. Leider nur Expolitiker.

In der Information glänzt etwa das "Weltjournal" (zuvor: "Report international" und "Europapanomama").

"Drehscheibe internationaler Informationen in Europa" sollte der ORF werden. Zur EU-Erweiterung setzte der ORF größere Schwerpunkte. Anfangs, auch zum Irakkrieg hielt sich die Information unter Mück eher zurück mit Auslandsberichten. Das besserte sich bis zum Terroranschlag in Madrid: Die Frankfurter Allgemeine lobte die Sondersendung des ORF. Seit wenigen Wochen hat die Anstalt auch ihr erstes Korrespondentenbüro im arabischen Raum.

Aus der "Überprüfung des geltenden Sendeschemas" wurde seine weitere Fortschreibung. Auf "Klagen beim Publikum, dass anspruchsvolle Sendungen und Kultursendungen 'zu spät' angesiedelt sind", folgte die Einstellung der "Kunst-Stücke" und nach Protesten der Kulturredaktion ein zusätzlicher Sendeplatz spätnachts an Sonntagen. Ausnahmen sind die - eher raren - "Kultur-Universen" und einzelne Übertragungen wie demnächst der "Rosenkavalier" aus Salzburg.

"Auf die Programmleistungen der Bundesländer muss in Radio und Fernsehen verstärkt eingegangen werden." Die von den Landesstudios gestaltete Dokureihe "Schauplatz Österreich" war bisher nicht oft zu sehen.

"Entwicklung interaktiver Medienformen" neben dem Internet erprobt der ORF beim Testbetrieb von Digitalfernsehen in Graz. Ein "Vorzeigeunternehmen" sollte ORF bleiben in "Programmqualität" und in "technischer Qualität". Was offensichtlich nicht immer ganz einfach ist. Lindner kündigte "laufende Justierung des Designs" an. Lindner baut da auf einen langjährigen Vertrauten und Werbeveteranen. Das kann ins Auge gehen: Dieses traditionelle ORF-Logo soll nun verschwinden.

"Die allgemeine wirtschaftliche Situation wird nach jetzigem Stand einen äußerst ökonomischen Einsatz der Mittel erforderlich machen."

Dem steht ein anderer Programmpunkt im Weg: Lindner versprach die "Sanierung der arbeitsrechtlichen Situation der Freien Mitarbeiter" und stellte sie mit Jahresbeginn 2004 an. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten erhöht das nicht die unternehmerische Flexibilität. Dabei schrieb Lindner: "Ziel muss also sein: Bei Ausgaben sparen und bei Einnahmen unternehmerisch im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten handeln".

Ob die Anstellung durch flexiblere Arbeitszeiten und weniger Überstunden bei allen Programmmitarbeitern wie geplant "kostenneutral" (plus vier Millionen Euro) war, kann nach sechs Monaten noch keiner sicher sagen. Schon wird über die Anstellung von 400 Leasingkräften verhandelt.

Eine "Beseitigung der Mehrklassengesellschaft im ORF" ist mit Anstellungswelle noch nicht ganz geglückt: Rund die Hälfte der Belegschaft ist laut Personalbüro noch nach der besonders günstigen Freien Betriebsvereinbarung angestellt, der Rest nach Kollektivverträgen.

"Sparpotenziale zu finden und umzusetzen" haben die Landesstudios im Vorjahr geübt. Nun fanden die Berater von McKinsey auf der bisher nicht als Kündiglberg bekannten Wiener Erhebung 270 Jobs und 27 Millionen Euro Sparpotenzial. "Grober Unfug", sagt Heinz Fiedler. Dabei schrieb Lindner: "Unter Einbeziehung des Betriebsrates muss es gelingen, Sparpotenziale zu finden und umzusetzen." Betriebsratschef Fiedler sieht gewöhnlich kein Sparpotenzial und sagte etwa 2002: "Freie Personalkapazitäten gibt es beim ORF längst keine mehr." Er selbst leitet eine Sicherheitsabteilung in der Generaldirektion.

"Eine schlanke Administration und rationelle Produktion durch ständig verbesserte technische Möglichkeiten bilden ein Hoffnungsgebiet für Einsparungsmaßnahmen." Zwei Chefredaktionen auf dem Küniglberg zum Beispiel - eine in der Generaldirektion, eine operative im Aktuellen Dienst - klingen nicht nach schlanker Organisation.

"Eine Erhöhung der Rundfunkgebühren ist nicht zu erwarten und wird sich in Zukunft wohl nur schwer durchsetzen lassen, insbesondere wenn man bedenkt, dass eine Vielzahl von Kommerzprogrammen kostenlos empfangen werden kann." Hier irrt Lindner zum Vorteil des ORF: Seit Jahresbeginn zahlen wir gut acht Prozent mehr Gebühr.

"Weiterhin muss der ORF daher alle Anstrengungen unternehmen, die Werbeeinnahmen auf einem hohen Stand zu halten." Der Stand ist hoch, doch sie sinken laufend.

"Wesentliches Merkmal des ORF muss allerdings bleiben, dass - trotz allem Bemühen um Werbeeinnahmen - Werbeunterbrechungen vermieden werden. Dort wo Werbeunterbrechungen das Publikum verärgern, verwischen sie für den Seher auch die Grenzen zwischen kommerziellem und öffentlich-rechtlichem Programm. Eine scharfe Trennung zwischen Werbeblock und Programm, die Ausweisung von Patronanzen sowie die strikte Einhaltung der geltenden Bestimmungen des ORF-Gesetzes ist darüber hinaus unumgänglich." Davon vermag jedenfalls die Konkurrenz wenig zu erkennen. (Harald Fidler, Doris Priesching/DER STANDARD, Printausgabe, 19./20.6.2004)

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    Generaldirektorin Monika Lindner.

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