Widerstand gegen Stellenabbau bei Siemens wächst

1. Juli 2004, 10:58
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Tausende protestieren gegen Arbeitsplatzverlagerung

Nürnberg - Im Streit um die geplante Verlagerung von rund 5.000 Siemens-Arbeitsplätzen von Deutschland ins Ausland hat die IG Metall am Freitag ihre Gangart verschärft. Bei einem bundesweiten Aktionstag der Gewerkschaft forderten mehrere tausend Mitarbeiter den Erhalt der bedrohten deutschen Siemens-Jobs. "Das Gebaren des Konzerns erinnert an Raubrittertum", kritisierte der baden-württembergische IG-Metall Bezirksleiter Jörg Hoffmann in Karlsruhe vor rund 1000 Beschäftigten. "Die Zeiten der geruhsamen Siemens-Familie sind vorbei", betonte der Nürnberger IG-Metall-Chef Gerd Lobodda.

Insgesamt rief die IG Metall nach Angaben einer Sprecherin an mehr als 50 Standorten zu Aktionen auf. Wegen des teilweise nur geringen Organisationsgrades der IG Metall bei Siemens fielen die Aktionen allerdings unterschiedlich kämpferisch aus: Während sich die gewerkschaftlich organisierten Beschäftigten in einigen Siemens-Standorten darauf beschränkten, Flugblätter zu verteilen, kam es in anderen Städten zu Großkundgebungen mit mehreren tausend Teilnehmern.

"Kein kränkelnder Konzern"

Der IG Metall-Vertreter im Siemens-Aufsichtsrat und Leiter des bundesweiten Siemens-Teams der IG Metall, Wolfgang Müller, forderte bei einer Kundgebung in Erlangen das Konzern-Management zu klaren und verlässlichen Zahlen auf. Er betonte, Siemens sei kein kränkelnder Konzern. "Auch mit den Arbeitsplätzen in Deutschland hat Siemens in den vergangenen Jahren einen Rekordgewinn nach dem anderen eingefahren". Sich jetzt mit den Gewinnen ins Ausland zu verabschieden, sei unmoralisch, sagte Müller.

Ein Schwerpunkt des Aktionstages lag in Berlin, wo allein 16.000 der bundesweit rund 170.000 Siemens-Mitarbeiter beschäftigt sind. Bei Kundgebungen und Sternmärschen in Berlin-Spandau und Siemensstadt nahmen rund 2.500 Männer und Frauen teil. In Anspielung auf die geplante Verlagerung von Siemens-Arbeitsplätzen nach China und Ungarn trugen viele Demonstranten Reispfannen; an einigen Stellen wurde ungarisches Gulasch ausgeschenkt.

"Jeder Arbeitsplatz hat ein Gesicht"

Am westfälischen Siemens-Standort Kamp-Lintfort und Bocholt, wo die Verlagerung von Teilen der Handy-Produktion nach Ungarn befürchtet wird, erinnerten Beschäftigte mit der Aktion "Jeder Arbeitsplatz hat ein Gesicht" die Firmenmanager an ihre Verantwortung für die Betroffenen. Der Protestmarsch im Kamp-Lintfort endete vor dem örtlichen Arbeitsamt.

An den Siemens-Standorten Erlangen und Nürnberg verließen mehr als 1.000 Beschäftigte zeitweise die Werkshallen und Büros und beteiligten sich an Kundgebungen vor den Werkstoren. Vor der Zentrale des Geschäftsbereich Medizintechnik demonstrierten rund 400, vor einem Gerätewerk der Automatisierungstechnik rund 200 Mitarbeiter.

Bei einer Kundgebung in Nürnberg mit rund 300 Teilnehmern kündigten Redner weiteren Widerstand gegen die Abbau-Pläne des Siemens-Vorstands an. Bereits am Morgen hatte es in Hamburg, Rostock und Bremen Aktionen gegeben.

Lösungen gesucht

Die deutsche Siemens-Führung hatte in den vergangenen Wochen wiederholt damit gedroht, 5.000 Arbeitsplätze zu streichen oder ins Ausland zu verlagern. In Verhandlungen mit Arbeitnehmervertretern werden derzeit Lösungen zur Kostensenkung in deutschen Werken gesucht. Bei Gesprächen Anfang Juni näherten sich die Parteien an. Siemens will längere Arbeitszeiten bei gleicher Entlohnung. Betroffen seien hauptsächlich die Handy-Sparte, die Trafo-Herstellung und die Automatisierungstechnik.

Service- und Vertriebs-Mitarbeiter protestierten zugleich gegen die geplanten Verschlechterungen ihrer Arbeitsbedingungen im Zuge der angestrebten Zusammenfassung dieser Bereiche unter einer einheitlichen deutschlandweiten Führung.(APA/dpa)

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