Genomforschung: "Ethik als Problem der einzelnen"

8. Juli 2004, 12:38
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Diskurstag in Graz erörterte Umgang der vorgeburtlichen Untersuchung und die Auswirkungen von Biobanken auf die Gesundheitspolitik

Graz - Forschungsprojekte der modernen Biowissenschaften und insbesondere die Genomforschung sind für die Medizin vielversprechend. Die bereits erreichten und weiterhin erhofften möglichen Anwendungen können weit reichende Folgen für das Leben Einzelner und der Gesellschaft als Ganzes haben. "Genomforschung geht uns alle an" war daher quasi das Motto für den Diskurstag zur österreichischen Genomforschung am Donnerstag in der Grazer Stadthalle, bei dem ExpertInnen ethische, rechtliche, sozioökonomische Fragen im Umgang mit der Schlüsseltechnologie diskutierte.

Routinemäßige pränatale Diagnostik

Die pränatale Diagnostik und damit die Untersuchung des Ungeborenen auf seine genetische Veranlagung ist beispielsweise mittlerweile für viele Schwangere zur Routine geworden. Während die Einen darin den Traum von der weitestmöglichen Vorsorge erkennen, orten skeptische ZeitgenossInnen darin die Gefahr einer verordneten "Qualitätskontrolle" im Sinne einer zu optimierenden Gesellschaft, in der Behinderungen "nicht mehr notwendig" sind. Am Ende beider Auffassungen steht jedoch immer wieder die schwangere Frau, die sich für oder gegen das Ungeborene und dessen prognostizierte Zukunft zu entscheiden hat.

Alleinverantwortung der Frau

Für eine neue Ethik verteilter Verantwortung trat in diesem Zusammenhang der Philosoph Wilhelm Berger vom Interuniversitäres Forschungsinstitut für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung der Universitäten Klagenfurt, Graz, Innsbruck und Wien (IFF) ein. "Wie kommt es, dass Frauen zur Ansicht gelangen, eine Entscheidung treffen zu müssen, für die sie alleine verantwortlich sind?" so Berger. Es müsse in der ethischen Diskussion verstärkt auch darum gehen, Vorstellungen, in deren Brennpunkt die individuelle Entscheidung steht, kritisch zu hinterfragen. "Ethik ist niemals nur das Problem des Einzelnen. Ethische Auseinandersetzungen sind auch davon abhängig, wie die Organisationsformen gestaltet sind, in denen die Fragen auftreten", sagte Berger. Im Rahmen des Genforschungsbegleitprogramms ELSA leitet er ein Forschungsprojekt, das nach neuen Ansätzen für die Patientinnenberatung vor und nach der vorgeburtlichen Untersuchung sucht.

Biobanken

Auch die Einrichtung so genannter Biobanken würde eine Reihe ethischer, aber auch politischer und kultureller Fragestellungen aufwerfen, erklärte die Wiener Politologin Barbara Prainsack. Biobanken sind systematische Sammlungen genetischen und biologischen Materials für diagnostische, therapeutische und wissenschaftliche Zwecke. Mit dem Entstehen dieser sehr spezifischen Sammlungen entstünden auch neue Gruppenidentitäten auf Grund bestimmter gesundheitlicher Risiken: beispielsweise die Gruppe der Trägerinnen eines erhöhten Brustkrebsrisikos oder des Tay-Sachs-Gens, so Prainsack. Damit stelle sich auch die Frage nach der gesundheitspolitischen Bedeutung solcher Analysen des biologischen Materials. Das von der Politologin im Rahmen des Diskurstages vorgestellte ELSA-Projekt untersucht u.a. wie unterschiedliche Länder mit dieser Problematik umgehen. (APA)

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