Attac Österreich will Antisemitismus unter Globalisierungskritikern vorbeugen

26. Juli 2004, 14:57
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"Sehen immanente Gefahr durch verkürzte Finanzmarkt- und ressentimentbeladene Israel-Kritik"

Wien - Äußerst selbstkritisch zeigte sich die Antiglobalisierungs-Organisation Attac Österreich am Freitag bei einer Pressekonferenz in Wien. In der globalisierungskritischen Bewegung sind demnach "antisemitische Phänomene" bemerkbar, denen Attac Österreich mit einer zweitägigen Tagung am Freitag und Samstag entgegentreten will.

"Gutes" vs. "böses" Kapital

Die Debatte um antisemitische Tendenzen in der politischen Sprache sei "durch die Thematisierung von Finanzmärkten und anhand der Haltung zu Israel ausgelöst worden", sagte dazu Bernhard Obermayr, Mitbegründer von Attac Österreich: "Attac war sich von Anfang an bewusst, dass es im deutschsprachigen Raum eine lange Tradition antisemitischer Finanzmarktkritik gibt. Die alte Unterscheidung zwischen gutem Realkapital und bösem 'jüdischen' Finanzkapital ist im deutsch-österreichischen Diskurs fest verankert." Von einer Organisation, die Finanzmärkte ins Zentrum der eigenen Kritik stelle, verlange das eine besondere Umsicht, so Obermayr weiter.

"Dämonisierung Israels"

Der Irak-Krieg und der Nahost-Konflikt seien mit einer hohen Emotionalität verbunden und führen daher oft zu antisemitischen Argumentationen, wenn etwa "Israel dämonisiert" werde, erklärte Obermayr. In Österreich gebe es in diesem Zusammenhang bisher kaum Vorfälle, Attac wolle dennoch seine eigenen Mitglieder für dieses Thema sensibilisieren und verurteile eine derartige Instrumentalisierung von antisemitischen "Erscheinungen" aufs Schärfste.

"Neue Facetten des Antisemitismus"

Die Zeithistorikerin Margit Reiter sprach als Gastvortragende bei der Pressekonferenz von "neuen Facetten des Antisemitismus" und verschiedenen "Ausprägungen der Kritik an den Staat Israel". Über den Umweg Israel würden antisemitische Formen zum Ausdruck gebracht, so Reiter. Sie kritisierte zudem die unkritische "Solidarisierung mit den arabischen Staaten" und die Nicht-Distanzierung von islamistischen Terroranschlägen".

"Täter-Opfer-Umkehrung und NS-Verharmlosung"

Scharfe Kritik übte Reiter auch an "Gleichsetzungen Israels mit Nazi-Deutschland" und "Umkehrungen der Täter-Opfer-Rolle". Damit werde die Shoah relativiert und es komme zu Aussagen wie, "die Juden hätten aus Auschwitz nichts gelernt - so als sei das Konzentrationslager Auschwitz eine Lehranstalt gewesen", so Reiter. Diese und ähnliche Argumentation sind laut Reiter sehr oft zu finden, indirekt wie auch direkt. Die Zeithistorikerin sprach auch von "reflexartigen Kontexten zwischen den USA und Israel, auch im Zusammenhang mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001".

"Fehlende" Begrifflichkeiten

Heribert Schiedel, Mitarbeiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands, machte auf eine "ähnliche Sprache der linken und rechten Szene" aufmerksam. "Die Rechte bedient sich der linken Begriffe", weil in der politischen Sprache oft mit "Personalisierungen und Verkürzungen" gearbeitet werde. "Richtige Kritik kann falsch werden, wenn sie populistisch und verkürzend wiedergegeben wird", so der DÖW-Experte. Weiters sehe er eine Gefahr in der "Gleichsetzung von Antiglobalisierung mit Antiamerikanismus und dem Erstarken des Euronationalismus".(APA/red)

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