Der Blues aus dem Kabarett

20. Juli 2004, 19:47
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Das fabelhafte US-Schwesternduo "CocoRosie" beschwört den Zusammenhang von Blues, Elektronik und Kleinkunst

Dem Vernehmen nach sind Coco und Rosie zwei in Paris residierende Schwestern mit Heimat New York. Und als Duo "CocoRosie" entwerfen sich Sierra und Bianca Casady auf ihrem Debüt "La Maison De Mon Reve" beherzt als bisher eigentlich wenig vermisster, unbekannter frankophiler Link zwischen dem steinalten Blues einer Memphis Minnie, der nasalen Weltbedrücktheit einer Billie Holiday und so wenig erwarteten Zusammenhängen wie den hybriden Kunstblaumachern eines Tom Waits in seiner Swordfishtrombones-Phase und dem sperrigen, eigenbrötlerischen Autorentechno eines Aphex Twin zu Zeiten von Richard D. James Album.

Das Ergebnis sind zwölf betörend charmante Songs im Zeichen der Unvereinbarkeit von hochgradig wahnsinniger digitaler Tonsetzkunst und beherzten Versuchen, alte Lieblingsmusiken aus dem Zeitalter historischer Schellackaufnahmen nachzustellen. Dabei gilt es, nicht ganz aus dem Auge zu verlieren, dass selbst die modernste Moderne des Laptop-Zeitalters längst ihr Ablaufdatum kennt. Delta-Blues aus den tiefsten Tiefen der 20er- und 30er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts werden hier mit dem aus Volkshochschulkursen für Eilige, Teil drei, elektronische Musik, erworbenen Wissen kombiniert, dass gerade das scheinbar nicht Zusammenführbare heutzutage die erfrischendsten Ergebnisse zeitigt.

Die Absicht mag angesichts von bewusst fragmentarisch angelegten "Songs" wie Terrible Angels und seinem traditionellen, auf einer Akustikgitarre aus dem Peter-Bursch-Gitarrenlexikon gezupften Folk-Blues, der mit kratzenden Drahdiwaberl-Sounds aus dem Computer kombiniert wird, offensichtlich genug sein. Obendrein wird hier mit der Maustaste auch noch zu zweistimmigem Gesang lustvoll Geschirr gewaschen und mit den Löffeln auf die Töpfe geklopft.

Französisch-amerikanische Kleinkunsttage

Hinter all der Spekulation, die sich auch darin offenbart, dass sich die beiden Damen mit Mascara-Schnurrbart und aufgemalter Träne Richtung französisch-amerikanische Kleinkunsttage in Bad Sulzuflen schminken, wird aber auch eines deutlich: Dieses zeitlich mit knapp 41 Minuten relativ schlanke Manifest verwirrter Unbehaustheit zwischen Steinzeit der Tonaufnahme und Programmen aus dem Hause iCube schafft es dennoch, so genannte Wahrhaftigkeit zu erzeugen.

Dies geschieht nicht durch besagter Billie Holiday nachempfundene, wehklagende Gesangsspuren, die durch kleine Transistorradios gejagte Beschwörungen des Blues namens Lebens nachstellen. Und auch nicht die Kombination von gesampelten Harfen mit Bremsgeräuschen aus Formel-eins-Computerspielen und esoterisch konnotierten Operngesängen und lustigem Hühnergeschrei erzeugen hier viel mehr als einen schnell wieder vergessenen Sensationswert. Erst in der Gesamtheit des Sounds dieses Albums, das noch dazu platteste textliche Bausteine verwendet ("All I want with my life, is to be a housewife") ergibt sich ein allgemeines Bild, das diese scheinbar unbeholfene Kunst der Collage mit dem Vorschlaghammer der Kleinbühne mit so etwas wie einer eigenen Poesie adelt.

Schäbigkeit als poetischer Akt

"CocoRosie" fühlen sich einer Musik verpflichtet, die die Schäbigkeit und vor allem jederzeit nachstellbare Billigkeit der Produktionsbedingungen zum poetischen Akt erklärt. Bloß, das alles ist uns selbst bisher nicht eingefallen. Wer traut sich schon offen, neben seit spätestens 80 Jahren bekannten Dreiklangszerlegungen das Reimwörterlexikon derart schamlos zu befragen und plündern? "I fell in love with you, just because the sky turned from grey to blue."

Der schreckliche Begriff der Ironie ist diesem erstaunlichen Debüt natürlich in jedem Moment zwingend beigestellt. Und vom dieser Musik innewohnenden Element der Heiterkeit zur Lächerlichkeit ist es nie weit. Dazwischen zieht über den Spannungsbogen allerdings immer wieder die Gänsehaut auf. (Christian Schachinger, RONDO, DER STANDARD-Printausgabe vom 18.6 2004)

CocoRosie - La Maison De Mon Reve (Touch And Go)
  • Artikelbild
    foto: cocorosie
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