Eine Frau mit Werkzeug ist wie ein Fisch ohne Fahrrad

8. Juli 2004, 12:09
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Immer mehr Frauen erledigen den Einkauf im Baumarkt. Thomas Rottenberg weiß warum

Ich habe akzeptiert, dass A. Recht hat: Es ist besser, wenn ich nicht in den Baumarkt gehe, sondern A. hinschicke. Und das liegt nicht daran, dass ich der Erotik der Bastelmärkte (Schlagbohrer! Motorsägen! Dicke, lange Schrauben!) abhold wäre. Im Gegenteil: Zum Gustieren schaue ich hin. Aber einkaufen? No way.

Wir sind zufällig drauf gekommen. Früher liefen Baumarktbesuche nach Autokauf-Gendermustern ab: Pärchen sucht Verkäufer - Verkäufer redet mit Mann. Frau-Fragen werden ignoriert, Mann-Fragen mit Fachwortschwurbeleien niedergebügelt. Aber vor einem Jahr musste A. alleine zum Baumarkt. Mit blauer Hackler-Latzhose. Sie brauchte Holz für ein Stützgerüst. Wir hatten eine Skizze. Zwei Stunden später hatte A. eine völlig andere Skizze, zugeschnittenes Holz, eine detaillierte Bauanleitung und einen Baumarktlieferwagen. Außerdem hatte sie nur die Hälfte von dem ausgegeben, was wir befürchtet hatten.

Die Herren vor Ort, erzählte sie, hätten sich überschlagen. Zwei wären sich beim Skizze-Umzeichnen fast in die Haare geraten. Beim Zuschnitt wurden Maschinen erklärt. Die ganze Abteilung habe die Planken zum (für die neue Stammkundin kostenfrei und umgehend verfügbaren) Wagen getragen. Seither machen wir das immer so.

Freunde und Verwandte fahren mit dieser Methode längst auch - unabhängig von Alter, Aussehen und Outfit der losgeschickten Dame - hervorragend. "Das heißt, dass das Klischee umgekehrt auch funktioniert?" Monika Maul kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Aber allzu lange, glaubt die PR-Chefin der Baumax-Gruppe, werde das Weibchenschema nicht mehr ziehen: Die Zahl der Kundinnen steige - und das längst auch in den "Hardcore"-Departements Werkzeug & Bau. Zahlen, bedauert die Sprecherin des heimischen Marktführers, könne sie keine vorlegen. Die Branche, so Maul, realisiere aber, dass die Zahl der Single-Frauenhaushalte wachse und "Frauen sich nicht mehr sagen lassen, sie könnten keine Abflüsse abdichten."

Überdies würden in Paarbeziehungen Kaufentscheidungen meist von Frauen getroffen. Und dass Männer in Heimwerkermärkten durchschnittlich 15 Minuten (und "auf Einkaufslisten fixiert", Maul) bleiben, während Frauen 45 Minuten blieben, sich beraten ließen und für Anregungen zu "sonst wie vielleicht nützlichen Käufen" offen seien, werde nur von eingefleischten Chauvis blöde kommentiert: Man kann es sich schlicht nicht mehr leisten.

Die seit zwei Jahren fix im Sortiment geführten Heimwerkerkurse für Frauen, erklärt Baumax-Sprecherin Maul, seien allerdings keine "women-only"-Zonen. Nur: "Wenn wir nicht explizit 'für Frauen' draufschreiben, kommen die nicht - das dürfte auch mit Klischeevorstellungen zusammenhängen." Männer in Bastelkurse zu bekommen? Maul seufzt und lacht. Gleichzeitig. Wieso illustrieren die Quoten der in Volkshochschulen angebotenen Selbermachkurse: 80 Prozent der "Kundschaft" seiner Holzbearbeitungskurse, erklärt Wiens VHS-Sprecher Herbert Schweiger, sind "Selfgirls". In anderen Disziplinen (etwa Fliesenlegen, Rohrverlegen oder Möbelbau) ist das ähnlich: "Männer glauben, sie können das eh - woher das kommen soll, weiß aber keiner." Neulich hat A. mir mit sanftem Druck die Bohrmaschine aus der Hand genommen: Mit einem Holzbohrer käme ich nicht durch Beton. Ich solle lieber sie machen lassen - und nicht so beleidigt dreinschauen: In der Küche gäbe es genug dreckiges Geschirr. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.6. 2004)

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    Frauen ließen sich nicht mehr sagen, sie könnten keine Abflüsse abdichten, so Baumax-PR-Chefin Maul.
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