Reportage: Am Ende des Testbildes schlägt Puls

16. Februar 2005, 12:43
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Puls TV übernimmt Kanal von ORF 2 - Ab Montag sendet Brandstätters Stadtsender offiziell

Aufgeregt? "Die andern schon. Ich nicht." Ziemlich jeder hier hält es wie Planungsredakteur Werner Stolarz: Wenige Stunden trennen Puls TV vom Sendestart, aber nervös? Sind die andern.

Schon Freitag übernimmt der Stadtsender den Wiener TV-Kanal 34 von ORF 2, etat.at berichtete. Bis zum wirklichen Sendestart am Montag um 17 Uhr laufen Trailer von Puls und dazwischen noch ein paar des ORF. Es wird ernst.

Nur einer im Team lässt sich zu einem vorsichtigen "spannend" hinreißen. Ein Chefredakteur schlendert betont lässig die Redaktionsräume entlang: "Alles läuft rund", sagt Helmut Brandstätter. Mit seinem Schmunzeln verrät er, dass das vielleicht nicht ganz stimmt, das Chaos sich dennoch in erträglichem Ausmaß befindet.

Im Innern des Bergwerks – sprich: in den Studioräumen im Museumsquartier – rumort es nämlich heftig. Da werden Wände ausgemalt, Fensterrahmen gestrichen, wird geklopft und gehämmert, ein ganzes Studio ist noch im Werden.

Eine ehemalige ORF-Moderatorin spricht gerade vor. "Sie weiß noch nicht genau, ob sie sich das antun soll", lacht Stolarz. Er ist seit vier Uhr früh auf den Beinen.

Im Bienenschwarm

Seit zehn Tagen läuft Puls TV im Probebetrieb. Was soll sich da am Montag schon groß ändern? Also macht man Redaktionssitzungen, Besprechungen, verfasst Beiträge. Ein Bericht über eine Ampelkreuzung, auf der Fußgänger 13 Sekunden über eine 24 Meter breite Straße brauchen dürfen; eine Reportage über den Marmeladefabrikanten Staud. Bienenschwarmhektik. "FPÖ, Bloomsday, Axel Corti, ÖBB, Belvedere", stehen auf dem Programm, verrät das Flipchart.

Belvedere. Der Botanische Garten feiert 250 Jahre seines Bestehens. Mit Kamera und Mikro im Rucksack, das Stativ in der Tasche macht sich Videojournalist Markus Riedl auf den Weg. "Österreicher sind es nicht gewohnt, dass man sie interviewt. Sie sind sehr schüchtern." – "Ich habe so etwas noch nie gemacht", sagt der Führer, der den Weg durch die Botanik leitet, wie zur Bestätigung. "Sie machen das sehr gut", beruhigt ihn Riedl, der "irgendwelche Besonderheiten" hören will.

"Den Rest überlasse ich Ihnen aber komplett." Der Mann erzählt von amerikanischen Eichen, Akazien und Ginkgobäumen.

Ob er Puls TV kennt? "Offen gestanden, nein." Aber er schaue ohnehin nie fern, fügt er höflich hinzu. Das tut auch die Dame beim Eingang nicht, von Puls TV hat sie aber schon gehört. Vielleicht will sie am Montag reinschauen? "Wahrscheinlich nicht."

Riedl hat Privat-TV-Erfahrung – mit Meinrad Knapp hat er für die ATV-Comedy "Knapp nach Ladenschluss" Gags geschrieben. Hier ist er hauptsächlich für "Leben in Wien" verantwortlich. Wobei Arbeitsteilung nur bedingt gilt – grundsätzlich ist jeder für alles zuständig, Schwerpunkte seien möglich. Riedl will "Wien entdecken".

Einen Beitrag pro Tag liefern die rund 30 Videojournalisten bei Puls TV ab. Bei Dienstantritt durften sie wählen, ob sie mit Monatspauschale oder als fix Angestellte ihre Arbeit verrichten wollen.

Videojournalisten gibt es inzwischen auf der ganzen Welt, in Österreich allerdings zum ersten Mal. Von der Idee bis zum fertigen Beitrag passiert alles aus einer Hand: Die Puls-TV-Reporter filmen und interviewen gleichzeitig, am Laptop stellen sie die Beiträge fertig, schneiden selbst und schreiben die Moderation. Das ginge "theoretisch sogar in der U-Bahn", sagt Riedl. Und spart bis zu fünf Arbeitskräfte.

Um das Handwerk zu erlernen, holten sie sich einen erfahrenen Mann an Bord. Ken Tiven vom Nachrichtensender CNN schulte die angehen den Videoreporter acht Wochen lang.

Spitzen gegen ORF

Und zwar so gut, dass Markus Riedl vom Belvedere gleich mit zwei Beiträgen heimkehrt – mit einem über die Ausstellungseröffnung, der zweite über das Kleinod im Belvedere überhaupt.

Keine Zeit, um über die Brösel mit dem ORF nachzudenken, der Puls eine Woche lang mittels Testbild den Startvorteil eines vorhandenen, nicht extra einzustellenden Kanals nehmen wollte. Für kleine Seitenhiebe jedoch schon: Als Riedls Interviewpartner von einem parkenden Auto mitten im Garten irritiert ist, mutmaßt Riedl den Eigentümer: "Der ORF wahrscheinlich." (Doris Priesching/DER STANDARD, Printausgabe, 18.6.2004)

  • Artikelbild
    foto: derstandard.at/sb
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