Gas geben in Santiago

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Busfahren hat Franzobel immer gehasst. In Chile ist er dann doch auf den Geschmack gekommen

Vielleicht lag es an der Schule, vielleicht auch an den Fahrern, am Gedränge, Gekreische, jedenfalls habe ich Busfahren während meiner Schulzeit nur gehasst. Ja, selbst bei Ausflügen oder Urlaubsreisen mochte ich Busse nicht. Busfahrer, die zum Bauchigen und zu krötiger Selbstherrlichkeit neigen, die Klobenützung verbieten und meist einem seltsamen, folkloristischen Musikgeschmack anhängen, war nie mein Traumberuf.

Ob sie an ihren Busfahrer-Stammtischen von Streitereien, Fröschen im Hals oder Nervositätsdurchfällen erzählen? Von Schmuggelcoups und Tricks bei Werbefahrten? Busfahrer müssen alle Kröten schlucken, diskret sein. Werden im Busfahrergeschäft eigentlich gewisse Nationalitäten bevorzugt, während man von anderen besser Abstand nimmt? Zum Beispiel keine Oberösterreicher, weil das unnachgiebige Sturschädeln sind, keine Finnen, Alkoholprobleme, Albaner nicht, die dauernd Familienfehden austragen?

Das Autofahren verrät ja viel von einem Volk. Die chaotischen, doch rücksichtsvollen Italiener, die Betonfußdeutschen, Brodelschweizer oder Automatic-Amerikaner? Die wildesten Auto-, nein, Busfahrer aber gibt es in Chile, da habe ich, angeregt von zahlreichen erstklassigen Busreisen durch Argentinien, meine Busphobie endgültig überwunden. Ausgerechnet in Chile, wo die großteils indigene Bevölkerung Gemütlichkeit ausstrahlt, ruhig spricht, niemals hysterisch ist, fahren die Busse so, als wollten sie ihrer verdrängten Geschichte enteilen, als könnten sie die gestaute Energie eines ewig peitschenden Pazifiks nur im Busfahren ausleben.

Anfangs fürchtet man, der Lenker des Busses, in den man da geraten ist, spinnt, bis man merkt, dass alle spinnen und dass das ziemlich spaßig ist. Mit der einen Hand halten sie das Lenkrad, mit der anderen geben sie Wechselgeld heraus und mit der dritten erklären sie etwas, während sie mit der vierten den futurologisch anmutenden Schaltknüppel bedienen - und dabei rasen sie, als ob es gälte, eine in den letzten Wehen liegende Schwangere in die Entbindungsstation zu bringen.

Chile ist das Fotomodell unter den Ländern, bulimisch, lang gestreckt, hat die Form von einer Wirbelsäule, und auch die Städte Santiago oder Valparaiso mit der Nachbarstadt Vina del Mar sind irgendwie gedehnt. Und dabei sind die Chilenen selber rundlich, isst man ganz vorzüglich, Meeresfrüchte, vor allem Machas, mit Parmesan überbackene Muscheln, manchmal auch in einer Béchamelsoße, Seeigel, Jakobsmuscheln, Fische, trinkt dazu Pisco Sauer oder exzellente Weißweine.

Vielleicht besichtigt man auch die Sebastiana oder sonst eines der hybriden Häuser, des heuer seines 100. Geburtstages zu würdigenden Honorarkonsulpoeten und Nobelpreisochsen Pablo Neruda, der das nicht ganz billige Hobby hatte, Schiffsgalionsfiguren zu sammeln. Schriftsteller scheinen überhaupt eine Vorliebe für obskure Hamstereien zu haben, berühmt sind die Kachelöfen und Walkjanker Thomas Bernhards, die Speisekarten Adalbert Stifters oder Raymond Queneaus Eieruhren.

Darum habe auch ich in einem rasenden, die mit bunten Holzhäusern bebauten Hügel Valparaisos wie eine Achterbahn rauf- und runterschießenden Bus beschlossen, mir mit einer außergewöhnlichen Sammlung meinen weltgeschichtlichen Platz als Exzentriker zu sichern. Ja, auf solch herrlich schnurrige Ideen kommt man da.

Berühmt ist Valparaiso ja für seine Gondeln, Busfahren aber ist lustiger. Angefeuert von Männern mit Tabellen, Sapo heißen die, Kröte also, was mit der ähnlich lautenden antiken Dichterin nicht viel zu tun hat, rasen die Fahrer wie von der Tarantel gestochen, veranstalten richtiggehende Busrennen.

Die Sapos werden übrigens von der Gewerkschaft der Busfahrer finanziert, um den Fahrern zurufen, wann der letzte 323er, 18er oder 224er vorbeigekommen ist. Da viele verschiedene, einander konkurrierende Busfirmen unterwegs sind und der einzelne Lenker vor allem von den verkauften Tickets lebt, kann er nun selbst entscheiden, ob er wartet oder Gas gibt und versucht, die vor ihm fahrenden Busse zu überholen, um mehr Passagiere aufsammeln zu können. Meistens gibt er Gas - schon alleine wegen seiner Kröten. (Der Standard/rondo/17/6/2004)

Franzobel, geboren 1967, pausiert als freier Schriftsteller manchmal in Lateinamerika. Zuletzt erschien von ihm (in Zusammenarbeit mit Sibylle Vogel) "Schmetterling Fetterling" im Picus Verlag 2004
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