Weniger währt am längsten

24. Juni 2004, 17:36
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Star-Gestalter Jasper Morrison über gerade Linien und Schieflagen

So gefragt seine asketischen Kreationen sind, er selbst würde am liebsten hinter ihnen verschwinden: Jasper Morrison ist der Antistar des Designs. Stephan Hilpold hat den scheuen Briten getroffen


Jasper Morrison fällt auf. Nicht auf die Art, wie sonst so viele in seinem Business auffallen. Jasper Morrison umgibt kein Glitzer und kein Glamour, er schwingt keine beeindruckenden Reden und er gehört auch nicht zu jenen, deren Äußeres auf den ersten Blick ins Auge sticht. Jasper Morrison fällt auf, weil er so unauffällig ist.

Dunkle schwere Hornbrillen und ein Blick, der sich dahinter versteckt, betont einfache Kleidung und ein Körper, der instinktiv eine defensive Haltung einnimmt. Auf die Frage "Was ist Ihnen peinlich?", antwortete der zu den absoluten Designstars zählende 44-jährige Brite einmal: "Öffentlich aufzutreten". Fototermine und Interviews: Bitte, nur wenn es unbedingt sein muss. Homestorys und Societyevents: No way. "Ich habe viel darüber nachgedacht und kam zum Ergebnis, dass es besser ist zu arbeiten, als mich ablenken zu lassen", sagt der in London und Paris Lebende. Die Arbeit, lässt sich hinzufügen, spricht in seinem Fall für sich.

No-Design

No-Design hat man die Stilrichtung getauft, als deren herausragender Vertreter Morrison international höchste Achtung genießt. Design, das hinter der Funktion der Objekte verschwindet, auch wenn Morrison keinem blinden Funktionalismus huldigt. Mit "Der ist von Philippe Starck!" wird man, sagen wir, einen Stuhl des illustren französischen Kollegen vorstellen, bei Jasper Morrison wird man erst über die Einfachheit des Stuhles sprechen, über das formschöne Design, die Kombination der Materialien. Und irgendwann vielleicht auch den Namen des Designers fallen lassen.

Es sind die kleinen Details, die in der Objektwelt des Briten bestechen, weniger die Erfindung von etwas Neuem als die Neuinterpretation von Erprobtem. Als er für ein Kloster bei Lyon Ende der Neunziger einen Holzstuhl neu kreierte, schlief Morrison, der ansonsten bevorzugt mit Design-Edelschmieden wie Cappellini, Magis, Vitra oder Alessi arbeitet, für eine Nacht in einer winzigen, kargen Zelle: "Sie war bequemer als alle Hotelzimmer, die ich bisher gesehen habe", schrieb er später in einem seiner raren Bücher, in "Every- thing but the Walls."

Asket

Morrison ist der Asket unter den Designern, ein mönchischer Vertreter eines Stils, den er selbst einmal als Utilism im Unterschied von Uselessnism bezeichnete. "Als ich fünf war", erzählt Morrison "besuchte ich meinen Großvater in seinem neuen Haus. Er arbeitete für eine dänische Firma und hatte regen Kontakt mit der skandinavischen Designszene und einen Raum seines Hauses hatte er im skandinavischen Stil eingerichtet. Das war der erste moderne Raum, den ich gesehen habe, lichtdurchflutet, weißer Langhaarteppich, Holzböden, gerade Linien. Das Gefühl war fantastisch."

In einem Raum wie diesem wären auch die späteren Kreationen des Jasper Morrison gut aufgehoben gewesen. In der einen Ecke vielleicht der wunderbare Low-Pad-Sessel mit seinen drei Polsterflächen, mit dem er 1999 bei Cappellini für viel Aufsehen sorgte, rund um den Gamma-Tisch (ebenfalls Cappellini) die Air-Chair-Stühle aus Polypropylen von Magis. Die Glo-Ball-Lampen von Flos hängen von der Decke, Alessis Küchenutensil liegt auf dem Tisch.

Balance aus Funktionalität und Ästhetik

Allesamt Objekte, die weder aus einer ästhetischen Entscheidung heraus noch aus purer Funktionalität geboren sind. "Es ist die Balance aus beidem", sagt Morrison, dessen Stil sich schon sehr früh, schon bald nachdem er Mitte der Achtziger das Londoner Royal College of Art abgeschlossen hatte, herausbildete. Kurz experimentierte er mit ready mades (das bekannteste Objekt: ein Tisch aus Blumentöpfen), nebenbei beschäftigte er sich mit Gestaltungen des öffentlichen Raums (unter anderem mit dem österreichischen Architektenduo Eichinger oder Knechtl).

In Graz, sagt Morrison heute noch, verbuchte er den damals wahrscheinlich größten Triumph seines Stils, als er im Rahmen eines Projekts für den Fischplatz die Aufkleber eines Reiseunternehmens von den Fenstern einer Busstation entfernte und die Wartenden dadurch die nahenden Busse sehen konnten.

Mit Koketterie haben solche Aussagen Morrisons nichts zu tun, auch nicht mit jenem englischen Humor, der dann doch immer wieder in einem Gespräch mit Morrison ganz fein und sachte aufblitzt. Es ist der Grundsatz, dass Designobjekte in erster Linie Objekte sind, die auch für etwas gut sein müssen, erst in zweiter Linie folgt das Design. Bei einem Vorgängerprojekt von Morrisons bisher größtem Auftrag - der Gestaltung der Hannoveraner Straßenbahn im Vorfeld der EXPO -, als es für eine Gruppe von Designern und Architekten darum ging, eine Straßenbahnwartestelle zu entwerfen, kam es zu einer Szene, die man sich angesichts der Kreationen des Designers gut vorstellen kann: "Diese Wartestelle schaut zu normal aus", sagte der eine Journalist zum anderen während der Pressefahrt von einer Wartestelle zur anderen: "Bleiben wir im Bus sitzen."

Massenkompatibilität statt elitärem Design

Eine Szene, die, seitdem Morrison in den Olymp des Designs aufgenommen wurde, wohl kaum mehr passieren dürfte. Die britische Financial Times bezeichnete den vielfach ausgezeichneten Briten erst vor kurzem als den "wahrscheinlich am meisten respektierten Designer der Welt". Elitäres Design lehnt dieser trotzdem ab. Er besteht auf die Massenkompatibilität seiner Produkte. Nur einmal machte er einen Abstecher ins Kunsthandwerk, das war vor einigen Jahren, als er mit Keramikern aus dem französischen Vallauris zusammenarbeitete. Das Ergebnis sah dann allerdings so aus, als ob es massengefertigt wäre. Was ihm nicht wenige Kritiker übel nahmen.

"Es ist viel schöner, etwas ein paar Millionen Mal zu produzieren, als etwas, das sich nur zehn Leute leisten können", sagt Morrison, der gerade für Rowenta eine Serie von Küchengeräten und für Vitra eine neue Home-Kollektion entwickelte. Zudem wissen die Millionen meistens auch nicht, wer das gerade gekaufte Objekt entwickelte. Und das ist Jasper Morrison durchaus recht. (DER STANDARD, rondo/18/06/2004)

  • Artikelbild
    foto: christian coigny für vitra/jasper morrison
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