Anstand, Sitte und gute Manieren

24. Juni 2004, 17:36
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Heute wende ich mich einmal wieder meinem Zweit-Lieblingsthema zu: Anstand, Sitte und gute Manieren. Mein allerliebstes Lieblingsthema, nämlich die ersatzlose Streichung der Kinderbeihilfe, lassen wir heute einmal außer Acht, denn heute, wie gesagt, gute Manieren, unter der besonderen Berücksichtigung der Frage: "Dürfen Damen in der Öffentlichkeit versaute Wörter benutzen?"

Privat dürfen Damen selbstverständlich alle Wörter benutzen, deren sie gerade habhaft werden, ob das der Liebhaber dann erträgt oder nicht, ist sein Problem, aber in der Öffentlichkeit? Ich bin stets bedingungsloser Befürworter der guten Manieren, aber auch ein bedingungsloser Befürworter aller Wörter und diskriminiere ungern eins. Außer solche, die mit Ko- anfangen, wie Kompromisse oder Konsequenz. Diese Wörter sind herzlos. Dahingegen sind Schweinkram-Wörter ein Zuckerschlecken. Nehmen wir nur das schöne Wort, das mit Fell anfängt und mit den letzten vier Buchstaben von Ratio endet. Es ist ein sehr vernünftiges Wort, denn es bezeichnet eine Handlung, die stattfindet, wenn die Vernunft meint, es wäre vernünftig, Sex noch etwas hinauszuschieben. Oft ist es ratsam, Sex noch etwas hinauszuschieben, weil er ja doch ein relativ starker Eingriff in die Intimsphäre eines anderen Menschen ist. Meistens kommt ohnehin nur etwas dabei heraus, was an das Gedicht "Trauriges Pudern" erinnert, das Franz Schuh einmal vorgetragen hat, so anschaulich, dass man die traurigen Puderwolken zum Fenster hinausziehen sah. Den Autor des Gedichtes habe ich leider vergessen, wie so viele andere Leute manchmal ihre guten Manieren vergessen. Zum Beispiel im Jahre 1908, als Lytton Stratchey auf Virginia Woolfs Rock einen Fleck entdeckte und fragte: "Sperma?" Woolf schrieb, dass sie daraufhin hemmungslos solche Wörter verwendete, was soll man anderes machen, wenn sich ein Gentleman so daneben benimmt?

Männer dürfen sich definitiv nicht an solchen Wörtern vergreifen. Alle Damen wissen, dass Männer sich nur zu gerne zum einen oder anderen Schabernack überreden lassen, aber wie dankbar ist man doch, wenn sie in der Öffentlichkeit so tun, als gäbe es nur Fußball und Autos. Wörter, die mit Fu- anfangen, aber kürzer als Fußball sind, werden oft von ungezogenen Knaben auf unschuldige Hauswände geschrieben, Pensionistinnen mit Sinn für Anstand malen dann einen Strich und einen Kreis dazu, und schon steht AUTO da. So erzieht man die Jungs, sich für Autos zu interessieren, und ein paar überleben ja auch die Fahrt in die Disco. Bloß: Was machen jetzt die versauten Wörter? Ich finde, es ist ein Gebot des Anstands, sie nicht ganz verkümmern zu lassen. Irgendeiner muss sie pflegen, vielleicht hin und wieder aussprechen, oder auch gelegentlich niederschreiben. Wer? Na, zufällig nur
Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin (Der Standard/rondo/18/6/2004)

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