Kommentar der anderen: Der Tod kommt in Vierteln

16. Juni 2004, 19:14
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Von Leid und Entsetzen auf dem Spielfeld - Ist die Fußball-EM eine Vorbereitung auf das Sterben? - Von Franzobel

Träumt jedes Kind davon, einmal Europameister zu sein, das alles entscheidende Tor zu schießen? Ich habe oft davon geträumt. Heute bin ich 37 Jahre alt, und muss mich damit abfinden, dass diese EM die Letzte ist, bei der ich zumindest noch theoretisch teilnehmen hätte können. Bei allen künftigen wird nicht einmal diese Teilnahme im Geist mehr möglich sein.

Ob das der Grund ist, weshalb ich jetzt immer wieder an das Sterben denke, es mich nicht ins Strandbad, sondern auf den Friedhof treibt? Dabei ist der Wiener Zentralfriedhof ja sehr beeindruckend, groß wie die Innere Stadt. Friedhofsgärtner gibt es, eine eigene Jägerei, die dafür sorgt, dass das Niederwild nicht alle Blumen von den Gräbern frisst, Bienenstöcke, von denen aber niemand weiß, was mit dem produzierten Honig geschieht.

Einen Fußballverein gibt es natürlich auch. Vielleicht reiben ja die Spieler dieses FC Zentralfriedhof ihre Blessuren mit dem Friedhofshonig ein? Neben allerlei anderen skurrilen Gestalten gibt es auch einen Alten, der einen brauen Trenchcoat über dunklem Anzug trägt und nur damit beschäftigt ist, unbetreuten Gräbern ein Grablicht anzuzünden. Mit Säcken voller Kerzen schleppt er sich von Grab zu Grab, um jeweils die beinahe abgebrannte Kerze durch eine neue zu ersetzen. Er weiß genau, wie lang jede Kerze brennt, wann er welches Grab aufsuchen muss. Dieser Herr der ewigen Lichter wird von niemandem bezahlt, er macht es aus Berufung, Tag für Tag, bei jeder Witterung.

Nur jetzt, während der EM-Spiele hat er gefehlt. Ob auch er sich für Fußball interessiert? Wer weiß, vielleicht erzählt er ja den Spielverlauf den Toten? Zwar sterben in einem zweitklassigen Actionfilm 50 Menschen, und auch die Nachrichtensprecher jonglieren täglich mit Dutzenden von Leichen, und dennoch ist in der offiziellen Welt nichts so sehr tabuisiert wie der Tod.

Man will nichts hören von einem zähen Kampf und Schmerzen, nichts von Leid, das nicht wieder gutzumachen ist, nichts von der Verständnislosigkeit, nichts vom Entsetzen oder davon, dass es jemand rausgerissen hat, er ausgetauscht worden ist. Und auch wenn jemand stirbt, wird er nicht mehr drei Tage lang aufgebahrt, sondern möglichst rasch verscharrt.

Der Tod wird ignoriert. Wie passt es da, dass während so einer Fußball-EM schon bald das große Sterben kommt, sich am Nachmittag und Abend wiederholt und dann in Kurzfassungen den ganzen Tag bestimmt? Oder wird das Bild der Traurigkeit, das von Tränenbächen zerfurchte Gesicht der Verlierer, dem die Nationalflaggenfarbe heruntertropft, wird dieses Entsetzen ganzer Länder völlig vom Bild der Sieger zugedeckt?

Denn während die einen ausgeschieden sind und tot, haben die anderen überlebt und lassen sich feiern, bis es auch bei ihnen so weit ist. Gibt es Untersuchungen darüber, wie viele Selbstmorde und Scheidungen, aber auch Kinderzeugungen so ein Fußballspiel bewirkt? Wenn Fußball Ersatzkrieg ist, dann heißt ausscheiden auch sterben, sind am Ende alle gleich.

Aber vielleicht brauchen wir diese Ahnung ja, damit wir uns vorbereiten können auf das, was einmal kommt. Denn ungerechter als der Tod kann selbst der parteiischste Schiedsrichter nicht sein, und nicht einmal der unglücklichste Elfmeter, nicht das größte Pech in der Verlängerung kann mithalten mit ihm. Vielleicht also ist Fußball nur eine Vorbereitung auf das Sterben? Die Euro ein Intensivkurs? (DER STANDARD, Printausgabe 17. Juni 2004)

Franzobel ist Dichter und lebt in Wien
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