Stinkefinger und Eselsmütze

20. Juni 2004, 19:50
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Die britische Newcomerband The Zutons begeisterte im Wiener Flex - ein kurzes, aber hinreißendes Konzert zwischen Wut und Verunsicherung

Wien - Das Match Fußball gegen Pop entschied am Dienstagabend die körperliche Ertüchtigung auf englischem Grün für sich. Während vor dem Wiener Flex Hunderte das Spiel Niederlande gegen Deutschland verfolgten, hielten im Saal nur etwa 150 Fans der Band The Zutons die Stange. Hart auch für das Quintett, das zugab, ebenfalls gerne Zeuge des Kicks gewesen zu sein. Kommt man doch aus England und hat mit dem FC Liverpool einen Verein in der Stadt, der eine durchaus religiös anmutende Gefolgschaft verantwortet. Bei welcher Mannschaft an diesem Abend die Sympathien gelegen wären, versinnbildlichte das orange T-Shirt des Schlagzeugers, auf dem "Holland" zu lesen stand.

Doch wie um die widrigen Umstände zu illustrieren, "machte" (O-Ton: Schnecke Prohaska) Torsten Frings etwa zu der Zeit das Führungstor für Deutschland, als die Zutons im Saal ihre Konkurrenzveranstaltung intonierten - mit Zuton Fever. Einem dieser hitzigen Songs, mit denen sie auf ihrem heuer erschienenen Debüt Who Killed The Zutons? brillieren. Darin hetzt man mit Wut im Bauch durch ein adoleszentes Dasein. Wut, die in Momenten der Verunsicherung aber auch zu Hilfe suchenden Songs wie Remember Me oder Confusion führt, in denen man das Tempo etwas rausnahm.

Live klampfte Sänger David McCabe dazu die Akustische, während sich der rechts außen stationierte zweite Gitarrist das Slideröllchen über den Mittelfinger stülpte und so dem Zorn des Stinkefingers die Eselsmütze der Weinerlichkeit überstülpte. McCabe, der ein bisschen wie Jack Black in dem Richard-Linklater-Film School Of Rock aussah, rang darin eher vergeblich um ein Damenherz: "I gotta keep the feeling, gotta keep the feeling in".

Also zurück in die härtere Gangart, angesiedelt zwischen Feierabendbierstimmung und Unbekümmertheit. Letztgenannte Eigenschaft schlägt sich bei den Zutons im Gebrauch eines Saxofons nieder, das die einzige Frau im Bunde spielt. Und zwar nicht sehr zurückhaltend, sondern als Lack-und-Leder-Sax ziemlich dominant, wie es ehedem bei den britischen Ska-Helden Madness (One Step Beyond!) Einsatz fand.

Dazu würgte der Gitarrist giftige Töne aus seinem Instrument oder nudelte sich hingabevoll durch kurze Soli der Deep-Purple-Schule, Abteilung Weltergewichtsklasse. Holland erreichte gegen Deutschland ein Unentschieden. The Zutons erzielten dagegen ebenso durchgeschwitzt einen Kantersieg. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe, 17.6.2004)

Von
Karl Fluch
  • Plattencover: "Who Killed The Zutons?", Sony April 2004
    bild: plattencover

    Plattencover: "Who Killed The Zutons?", Sony April 2004

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