"Berührungsängste sind normal"

15. Dezember 2004, 18:15
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"Zeitgenössische Kunst ist reines Geschmiere", "Museen sind lang­weilig": Kunstvermittlerin Maria-Theresia Moritz überzeugt SchülerInnen vom Gegenteil - Mit Ansichtssache

Villach Hauptbahnhof, Montagvormittag. Hektisches Ankommen und Abfahren, Menschen eilen an unbekannte Ziele. Mittendrin eine Gruppe von SchülerInnen, die sich so gar nicht dem hektischen Geschiebe anpassen. Vielmehr breiten die Jugendlichen mitten in der Eingangshalle eine große rote Plane aus, richten sich auf ihr ein, machen es sich gemütlich, laden die Eilenden zum Verweilen. Wer bleibt und sich Zeit nimmt, wird mit einem kleinen Imbiss belohnt - und mit Kunst.

Projekt "EU & You"

14 Künstlerinnen und Künstler aus den neuen EU-Nachbarländern schufen für das Projekt "EU & You" Videos und Fotografien, die Arbeiten wurden in ausgewählten Bahnhöfen in den fünf Ländern Ende Mai der Öffentlichkeit vorgestellt. Von ihrer roten Plane aus machten die SchülerInnen auf die Kunstwerke aufmerksam. Bei dieser "Bahnhofsbesetzung" trafen die Schülerinnen und Schüler auf Interessen wie auf Ablehnung. "Leider wollten sich viele Leute, die ich gefragt habe, nicht zu uns auf die Plane setzen", berichtet ein Schüler von der ablehnenden Grundhaltung einiger Passanten. Trotzdem waren die Jugendlichen vom Projekt begeistert, von ihrer "Kunstaktion" erzählen sie gerne.

"Was soll ich im Museum?"

Seit über zehn Jahren bemüht sich Maria-Teresia Moritz Kinder und Jugendliche von und für Kunst zu begeistern. Sie ist professionelle Kulturvermittlerin und hat das Projekt "EU & You - Kunst-Durch-Zug" am Villacher Hauptbahnhof betreut. "Manche Jugendliche sind interessiert und neugierig, doch andere empfinden Kunst und Kultur als etwas Fremdes, Unnützes," berichtet sie aus ihrem Joballtag. "Bekommen sie aber die Möglichkeit, sich in entspannter Atmosphäre mit Kunstwerken zu beschäftigen, zeigen sie großes Interesse. Berührungsängste sind normal".

Kunst und Leben

Diese Berührungsängste zu nehmen, darin sieht Moritz ihre vorrangige Aufgabe. "Es nicht wichtig, dass Jugendliche nach dem Besuch einer Ausstellung wissen, wer die Bilder gemalt hat oder gar wie sie heißen. Wenn aus einer Ausstellung von 100 Bildern eines dabei war, das berührt hat und über das man nachgedacht hat, ist das genug."
Zum Nachdenken bringt Moritz auch die BesucherInnen der Neuen Galerie im Schloss Porcia in Spittal an der Drau. Zeitgenössische Werke von Künstlern wie Hermann Nitsch, Erwin Wurm oder Otto Zitko werden dort präsentiert. "Wichtig in der Begegnung mit Kunst, ist die Lust am Entdecken und am Diskutieren. Provokante Themen wie Blut, Sexualität und Nacktheit zum Beispiel holen oft auch Gleichgültige aus der Reserve", weiß Moritz aus langjähriger Erfahrung.

Fragen stellen

Zum Thema "Nitsch und Tierschlachtungen" beispielsweise entstehen regelmäßig angeregte Diskussionen unter den Jugendlichen. "Schüttbilder von Nitsch lassen sich mit dem realen Alltag leicht verknüpfen. Welche Einstellung hat man Tierschlachtungen gegenüber, ist es konsequent, Schüttbilder abstoßend zu finden und gleichzeitig Fleisch zu essen? Was ist ´guter Geschmack´?" Fragen, die angeregt durch Kunstwerke besprochen werden.

Beobachten und agieren

Und wenn keiner diskutieren will? "Alleine das bewusste Betrachten von Bildern, Skulpturen oder Videos löst im Menschen Vorgänge aus, die ihn über sich und die Welt nachdenken lassen", ist sich Moritz der Wirkungskraft von Kunst sicher. Und sich selbst an Aktionen wie dem "Kunst-Durch-Zug" in Villach zu beteiligen, gibt den Jugendlichen ein Gefühl der Lebendigkeit". (mhe)

  • Artikelbild
    foto: kunstfrosch
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