Im Würgegriff des Winters

23. Mai 2005, 14:40
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Ganz im Norden Lapplands fallen die Temperaturen am Polarkreis auf minus 30 Grad. Nichts für Kälteempfindliche. Ein Naturschauspiel aber, wo die rotschimmernde Sonne nicht höher steigt als bis zu den Baumwipfeln und die Polarnacht besiegt.

Der Neuschnee der letzten Nacht knirscht unter den Winterstiefeln bei den ersten Schritten vors Blockhaus. Eiszapfen klammern sich an das Vordach. „Hey, Hey,“ grüßt ein Finne, der auf Langlauf-Skiern vorbeizieht. Das bedeutet etwa soviel wie „Hallo“ und hat zwei Vorzüge: Die knappe Formel ist zu jeder Tages- und Nachtzeit anwendbar und obendrein auch für Ausländer aussprechbar – keine Selbstverständlichkeit, denn die finnische Sprache ist ein nur Eingeweihten vertrautes Gewitter aus durcheinanderpurzelnden Vokalen und Konsonanten. Der Sportler im Feriendorf Ounasvaaran Pirtit vor den Toren der Stadt Rovaniemi direkt am Polarkreis jedenfalls trägt an diesem Wintermorgen seine Daunenjacke offen: „Ein warmer Tag heute,“ freut er sich und erklärt seine ungewohnte Offenherzigkeit. „Nur minus zehn Grad.“ Ein Morgen, an dem die Nasenhärchen nicht gleich beim ersten Durchatmen festfrieren. Fremde aus wärmeren Breiten bleiben dennoch lieber dick vermummt. Normalerweise fällt die Temperatur am Polarkreis in der schneesicheren Zeit von Anfang November bis Ende April auf bis zu minus 30, minus 35 Grad. Temperaturen um minus 15 Grad sind nichts Ungewöhnliches.

Langsam nur kriecht ein Streifen Tageslicht den Horizont hinauf – erst ein roter Schimmer, dann ein feuriger Schein, bald darauf ein bläuliches, klares Leuchten, ein mysthisch-geheimnisvolles Licht. Die Sonne wird nicht höher steigen, als die Wipfel der Tannen aus dem Schnee herausragen, und dennoch über die Polarnacht siegen. Vier bis fünf Stunden lang ist es in und um die Provinzhauptstadt Rovaniemi im November noch jeden Tag hell: Höchste Zeit, nicht mehr nur durchs Fenster des gut geheizten Ferienhauses ins Freie zu staunen, sondern selber die warme Winterkluft anzulegen, den Schritt hinaus in die Kälte zu wagen und die weiße Pracht zu erkunden.

„Blaue Stunde“ nennen die Finnen die Zeit kurz nach dem Auf- und kurz vor dem Untergang der Sonne, wenn dieser stahlblaue Schimmer auf dem Schnee liegt – Beginn oder Ende eines traumhaften Tages in Lappland. Die Schneesicherheit ist ein Grund dafür, daß mehr und mehr Mitteleuropäer auf den Geschmack kommen und Winterurlaub im hohen Norden buchen, Ferien, gespickt mit Kuriosa. Wo sonst kann man sich damit rühmen, ganz nebenbei nach einem Langlauf-Ausflug noch beim Weihnachtsmann vorbeizuschauen? Und das selbst Wochen und Monate nach den Weihnachtsfeiertagen!

Langlebiger Santa Claus

Für Rovaniemi ist „Santa Claus“, der in einer Blockhütte in Joulupukin Pajakylä (Dorf des Weihnachtsmanns) vor den Toren der 37.000-Einwohner-Stadt Hof hält, der beste Gästemagnet. 250.000 Kinderbriefe aus aller Welt trudeln hier jedes Jahr ein und werden von einer Schar fleißiger Helfer beantwortet. Seit den 50er Jahren ist das so. Der Weihnachtsmann selbst ist rund ums Jahr zu festen Sprechzeiten anzutreffen, sitzt dann auf seinem mit rotem Samt bezogenen Thron am Kamin, hört sich Ständchen der Besucher an, beschenkt Kinder mit Pfefferkuchen und schmettert mit markiger Stimme fromme Wünsche in zwölf verschiedenen Sprachen in die Runde. Oder er signiert Autogrammkarten mit seinem Konterfei. Touristen lassen sich den Trip etwas kosten. Selbst Japaner schweben für nur zwei- bis dreitägige Kurzbesuche am Polarkreis ein. Briten kommen mit der Concorde. Knapp 100 Charterjets landen jedes Jahr in den sechs Wochen zwischen Ende November und Mitte Januar, zusätzlich zu den regulären Linienmaschinen, auf dem Flughafen von Rovaniemi. Denn kaum irgendwo sonst würde es Kindern und selbst Erwachsenen leichter fallen, an den Weihnachtsmann zu glauben, als hier im arktischen Norden Finnlands: tiefverschneite Wälder und Straßen, rosaroter Himmel, Schlitten auf schmalen Pfaden, Rentiere am Wegrand, dazu die knackige Kälte.

Das Gebell ist ohrenbetäubend, die Hundemeute kaum in Zaum zu halten. Mit überschäumendem Temperament springen die zwölf Huskies um Leithund Odin hin und her. Dann endlich schnalzt Schlittenführerin Maissa aus Sodankylä mit der Zunge: das Startsignal zur Hundeschlittentour im tiefverschneiten Lappland – eines der arktischen Ferienabenteuer Finnlands. Langsam hebt Maissa den Fuß von der Metallbremse des Schlittens. Die Hunde zerren das Gespann voran, Stahlzacken der Bremse kreischen über Eis und Geröll– ein Geräusch, das Umstehenden eine Gänsehaut über den ohnehin fast tiefgekühlten Rücken jagt: wie früher, wenn einer mit den Fingernägeln in der Schule über die Schiefertafel gekratzt hat.

Im Würgegriff des Winters: Die kräftigen Huskies preschen durch die weiße Pracht, pflügen mit ihren Pfoten den Neuschnee auf. Unter den Schlittenkufen knirscht der Schnee, und aus den Schnauzen der Hunde dampft der Atem in die eisige Luft. Letzte Häuser gleiten blitzschnell vorbei. Das Eintauchen in die Einsamkeit dauert keine vier, fünf Minuten. Links und rechts nur noch Wildnis: mal türkis schillerndes Eis zugefrorener Flußläufe, dann vom letzten Sonnenlicht rosarot verfärbte Schneewehen – eine Science-fiction-Landschaft, irgendwie nicht von dieser Welt. Die Sonne brennt vom Himmel, das Thermometer zeigt 18Grad. Minus! Zu dritt kauern die Passagiere in der mit wärmenden Fellen ausgelegten Schlittenwanne aus Korbgeflecht, die auf Kufen durch den Schnee jagt. Jeder hat an diesem Morgen drei Paar Wollsocken übereinander angezogen und mußte deshalb Stiefel zwei Schuhgrößen geräumiger als üblich nehmen. Jeder hat zwei Hosen, zwei Pullis und über alledem einen dicken Thermoanzug an. Plump wie Astronauten, denen die Schwerelosigkeit fehlt, sind sie zum Schlitten gestapft. Der eisige Fahrtwind pfeift in die Kapuzen.

Kälteempfindliche Touristen

Maissa macht das alles nichts aus. Sie steht hinten auf den Kufenenden des Schlittens und schnalzt schon wieder. Für die arktischen Kläffer das Signal, ihr halsbrecherisches Tempo abermals zu steigern. Irgendwann die erste Rast. Die Schlittenführerin entfacht ein Lagerfeuer, kocht Rentiersuppe, reicht ein Flasche mit arktischem Moltebeeren-Likör herum, der von innen aufwärmen soll. Als ob man ein Feuerzeug in den Rachen hält! „Die Huskies,“ erzählt Maissa, „fühlen sich erst bei Eiseskälte richtig wohl. Wird’s wärmer, werden sie träge.“ Bei den Urlaubern ist das eher umgekehrt.

Maissa hat keinen Hunger. Sie tollt lieber mit Odin, ihrem Lieblingshund, im Schnee herum. Und Nordlichter machen mittlerweile das Firmament zur Leinwand: ein Feuerwerk der Schöpfung am polaren Nachthimmel, eine Galavorstellung ungebändigter Natur. Von Ferne bellt Odin in die Stille.

Arktisches Abenteuerland! Frühmorgendlicher Großauftrieb bei Sierijärvi vor den Toren von Rovaniemi: Die Rentierzüchter der Region treiben ihre Herden zur allwinterlichen Rentierscheidung zusammen. Jungtiere, die im Sommer zur Welt gekommen sind, werden dem Muttertier und damit dem Züchter zugeordnet und markiert. Andere werden zur Schlachtung ausgewählt. Knapp 30 Finnmark beträgt der Großhandelspreis für ein Kilo Rentierfleisch – umgerechnet rund 70 Schilling. Ein Kalb bringt bis zu 25, ein ausgewachsenes Ren 60 bis maximal 90kg verwertbares Fleisch auf die Waage – wenig, angesichts des immensen Aufwands der Rentierzucht, die nichts von Massentierhaltung hat. Die Tiere allein dieser Herde leben frei in einem Gebiet von 70x 200km Ausmaß.

Wenn die Züchter unter sich sind, wird kräftig auf die Bürokraten der EU geschimpft, die nach dem Beitritt Finnlands und Schwedens als erstes Regelungen zur Rentierzucht ausgearbeitet haben: „Nichts als Unsinn,“ lautet das einhellige Urteil der Männer vom Fach. In der Sprache der samischen Ureinwohner Nordskandinaviens gibt es zwanzig verschiedene Begriffe für Rentier – je nach Beschaffenheit, je nachdem, wie alt, wie groß oder wie kräftig das Tier ist. Kein Züchter verrät, wie groß seine Herde ist. Sie ist sein Kapital, und wer die Stückzahl kennt, kann den Wert des Besitzes hochrechnen. Die Nordländer sind da eigen. Wer sich dennoch erkundigt, muß zunächst mit der Gegenfrage rechnen: „Wieviel hast du denn auf dem Konto?“ Die vorlaute Antwort „Nichts“ beeindruckt niemanden: „Siehst du. Und ich habe kein einziges Rentier.“ (Der Standard, Printausgabe)

Von Helge Sobik
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