Zwischen gestern und morgen

28. August 2003, 11:25

Die EU-Präsidentschaft hat Finnland schon übernommen. Im Jahr 2000 bekommt das Land auch noch eine Kulturhauptstadt. Kennen Sie Helsinki?

Gar keine Nacht. Nur eine langatmige, lichte Dämmerung, aus der sich die Sonne schon in den frühen Morgenstunden glühend erhob. Im Hotelzimmer war es so heiß, dass man meinte, irgendwo in Surinam im Schweiße zu liegen, würde da draußen nicht ein ausgestopftes Rentier vor einem Souvenirladen stehen. Die Temperaturen halten untertags bei 30° C und strafen alle Lügen, die sich die finnischen Sommer kalt und regnerisch vorstellen.

Nein, in diesen paar Wochen wölbt sich ein strahlend blauer Himmel über Helsinki und verspricht stabiles Schönwetter bis in den September. Darauf schwören die Finnen Stein und Bein. Und darauf erheben sie Anspruch, denn das übrige Jahr ist ohnehin kein Honiglecken. Wettermäßig, und was das Licht betrifft. Aber jetzt werden die Hitze und die langen Tage und die weißen Nächte gefeiert, jetzt weicht eine gierige Sommerfröhlichkeit die strenge Atmosphäre der Stadt auf. Man lagert in den Wiesen der Esplanade, die als elegante, breite Einkaufsmeile das Zentrum Helsinkis bildet und ihre Allee bis zum Hafen streckt. Die Straßencafès sind voll, und vor den Freiluftbars haben sich schon Türsteher aufgestellt, die die Massen zähmen. Alles drängt nach draußen, macht sich Luft. Helsinki brät in der Sonne, pritschelt mit seinen Inselfingern in der Baltischen See, und nirgendwo sonst sieht man größere Übereinstimmung in Kleidungsfragen als hier. Alle Mädchen tragen kurze, schwarze Röcke und Schlapfen mit beträchtlicher Sohlenstärke. Alle Burschen tragen kurze Hosen und Segelschuhe.

An den Stränden der Stadt herrscht reger Badebetrieb, und so kommt es, dass der Fremde Helsinki an diesen heißen Tagen für sich hat: Die breiten Boulevards, die stille, geräumige Felsenkirche Temppeliaukio mit ihrer Decke aus Tausenden, schmalen zur Mitte strebenden Kupferlatten. Und die strengen, geraden Häuserzeilen, die selten ein geschlossenes Ensemble bilden, weil sich nationalromantischer Stil - nordisch interpretierter Jugendstil - an Gründerzeit, Klassizismus an Sozialbauten der 60er schmiegt. Ernst und in sich gekehrt wirkt die Stadt, und würden nicht Bäume und Parks die Karrees lockern, der Hafen und der Markt im Herzen Helsinkis die Stimmung heben und bunte Farbkleckse auf das Panorama tupfen, könnte ein wenig Schwermut ins Herz des Besuchers schleichen. Nur draußen, in den grünen Bezirken, die das Meer im Blickfeld haben, bezaubert Helsinki. Hier stehen reichverzierte Holzvillen in üppig blühenden Gärten, hier verzahnt sich die Stadt mit der Natur, und hier meint man, dem finnischem Lebensgefühl am nächsten zu sein. Das befindet auch Georg Dolivo, der das kulturelle Programm für das Jahr 2000 plant. Dann darf sich Helsinki in die Reihe der neun "Europäischen Kulturhauptstädte" stellen, und die Scheinwerfer der Weltöffentlichkeit werden einen etwas schattigen "Außenbezirk" des Kontinents beleuchten. Dolivos Kulturbegriff spannt den Bogen von der Avantgarde über die Volkskunst zum Themenkreis Natur und familiäre Geruhsamkeit. Die zeitgenössische Oper kommt da genauso vor wie die Wiederbelebung der Saunakultur. Sein Programm, das über 400 Veranstaltungen umfasst, will Helsinki als Hauptstadt im humanen Maß präsentieren, freundlich, gesund, naturverbunden und aufgeschlossen für moderne Kunst und Technik. Selbstverständlich ist das alles im Internet abzurufen, denn keine andere Nation hängt so begeistert im Netz. Bezogen auf die Einwohnerzahl weist Finnland die meisten Internetanschlüsse auf.

Viele Fäden laufen im Lasipalatsi zusammen, hinter dessen Glasfassade sich ein Medienzentrum mit Internetcafé, Kino, Radio- und Fernsehsendern, Videoproduktionen und Providern eingerichtet hat. Hier tut Helsinki auf modern, draußen laufen viele mit Handys herum, und einen Steinwurf weiter reißt das Museum für moderne Kunst die rechten Winkel der Umgebung sehr nachhaltig auf; aber man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Helsinki ganz froh ist über seine ruhige Randlage und seine Bewohner im Wesentlichen so bleiben können, wie sie nun einmal gerne sind.

Andreas Hochstöger

Der Autor lebt als freier Journalist und Werbetexter in Gablitz/NÖ.

Finnische Zentrale für Tourismus in Frankfurt: Tel. 004969/719198-0; Fremdenverkehrsamt Helsinki: Tel. 003589/1693838; Info-Büro "Helsinki 2000": 003589/1693214 Internet: www.2000.hel.fi; www.lasipalatsi.fi; www.hel.fi/Tietokeskus/

© DER STANDARD, 13. August 1999

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