Schillerndes Nordlicht

24. Mai 2005, 12:34
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Verschiedene ethnische Wurzeln machen Tallinn zur bunten Baltenmetropole

Sie reden eine weiche, wohlklingende Sprache,“ berichtete der Brockhaus anno 1877 über die Esten. „Sie besitzen viel Sinn für Poesie und haben eine leicht erregbare Einbildungskraft, natürlichen Verstand und ein starkes Gedächtnis.“ Daß das Estnische, eine an harten K-Lauten reiche Diktion, den deutschen Lexikon-Autoren als weich und wohlklingend erschien, mag an einer gewissen Vertrautheit mit einigen Ausdrücken gelegen haben. Die mehrfache deutsche Herrschaft im handelspolitisch bedeutsamen Baltikum hat im Laufe der Jahrhunderte ihre Spuren hinterlassen. „Kiek in de Kök“ etwa heißt einer der mächtigen Türme der mittelalterlichen Stadtmauer von Tallinn mit ihren stilechten Stadttoren. Von seinem Obergeschoß aus konnte man in sämtliche Küchen der Stadt sehen, wird erzählt. Auf deutsch hieß sie übrigens Reval; der heutige Name wird auf eine von Dänenkönig Waldemar 1219 gegründete Burg zurückgeführt (Taani linn – Dänenburg). Heute lebt jeder dritte Este hier, eine runde halbe Million.

Hektisches städtisches Treiben ist in den Gassen der befestigten Altstadt dennoch undenkbar. Nur selten durchbricht ein Auto, Marke Lada, die Tallinnsche Trance. Dann herrscht wieder gediegene Stille zwischen den Kaufmannshäusern aus dem 15. Jh. mit ihren großen Lagerräumen oberhalb der eigentlichen Wohnung. Altehrwürdige Stiegenaufgänge, schmiedeeiserne Balkone und Straßenlaternen erleichtern die gedankliche Reise in die Vergangenheit.

Jede Menge finnische Tagestouristen zieht nicht nur die sprachliche Verwandtschaft – Finnisch und Estnisch sind gegenseitig verständlich – hierher. Das für Westverhältnisse lange Zeit niedrige Preisniveau hat die touristische (F)In(n)vasion schon bald nach der Unabhängigkeit des Baltenstaates und nunmehrigen EU-Kandidaten losgetreten.

Wohlwollend und gut

Weiter im Conversations-Lexikon über die Esten: „Sie sind wohlwollend, gutmüthig und religiös, der protestantischen Kirche ergeben, dabei aber auch von manchen Lastern, namentlich von Jähzorn, Rachsucht und Hang zur Widersetzlichkeit, nicht frei, woran jedoch die frühere fast gänzliche Vernachlässigung des Volks von seiten seiner Beherrscher und Lehnsherren schuld ist.“ Und deren waren nicht wenige, sodaß heute ein wahrer Nationalitäten-Cocktail den Landstrich bevölkert.

Zwar zogen nicht wenige Russen, wegen dem neuen Zwang, estnisch zu lernen, die Heimkehr ins Kernland vor. Die Verhältnisse von vor der sowjetischen Besatzung sind aber noch nicht wiederhergestellt. Trotz Hochkonjunktur für eigene nationale Symbole weht vom Tallinner Rathaus nicht die blau-schwarz-weiße Nationalflagge, sondern eine von unzähligen Wetterfahnen. Das deutsch anmutende Gebäude aus dem Jahr 1404 mit seinem barocken Turmhelm thront über einem Platz, von dessen Hausgiebeln keiner dem anderen gleicht.

Die in vielen estnischen Siedlungen üblichen Holzhäuser sucht der Reisende hier vergebens. Sie wurden schon Ende des 14. Jh. aus Brandschutzgründen verboten. Ein einträgliches Beispiel für den im Brockhaus konstatierten „natürlichen Verstand“, kann die Tourismuswirtschaft doch heute, Jahrhunderte später, ein geschlossenes Ensemble vermarkten, das die weniger einheitlichen Schwesterstädte Riga und Vilnius aussticht. (Der Standard, Printausgabe)

Von Roland Schönbauer
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