Computerkriminalität in Firmen steigt

22. Juni 2004, 10:49
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Immer öfter manipulieren Mitarbeiter nicht zum eigenen finanziellen Vorteil, sondern aus Wut, Enttäuschung und Ohnmacht

Er will Spuren verwischen - aber auch Rache nehmen: Bevor er seinen Hut nimmt, zerstört der Mitarbeiter das interne Netzwerk der Finanzabteilung seines Unternehmens. Er muss gehen, weil er jahrelang unentdeckt hohe Summen für sich abgezweigt hat.Trotzdem kommt der Mann ungeschoren davon.

Imageschaden

Aus Sorge vor einem Imageschaden habe die Firma auf eine Anzeige verzichtet, schildert der Wirtschaftinformatiker Franz-Josef Lang einen beispielhaften Fall. "Die Tendenz ist, dass Unternehmen alles tun, damit nach solchen Vorfällen nichts nach außen dringt. Alles wird unter den Teppich gekehrt, und die Sache wird intern gelöst, zum Beispiel mit goldenem Handschlag."

200 Fälle aber nur eine Anklage

An diesem Mittwoch befassen sich Experten aus ganz Deutschland bei einer Konferenz von KrollOntrack, eines internationalen Unternehmens für Datenrettung und elektronische Beweissicherung, in München mit Wirtschaftskriminalität. In den vergangenen drei Jahren seien ihm bei seiner Arbeit im Vorstand des Bayerischen Verbandes für Sicherheit in der Wirtschaft (BVSW) und im Münchner Kompetenzzentrum für Sicherheit in Bayern (KoSiB) rund 200 Fälle von Computerkriminalität in Unternehmen bekannt geworden, sagt Lang. Nur ein einziger Fall sei jedoch zur Anzeige gebracht worden. Von sich aus wird die Staatsanwaltschaft bei Computersabotage, Datenveränderung und Wirtschaftsspionage nur dann tätig, wenn ein besonderes öffentliches Interesse besteht: Es handelt sich um Antragsdelikte.

Einer Untersuchung der Euler Hermes Kreditversicherung von 2003 zufolge wurde jedes Dritte von 400 befragten mittelständischen Unternehmen binnen drei Jahren Opfer wirtschaftskrimineller Handlungen. In drei Viertel der Fälle waren eigene Mitarbeiter daran beteiligt. Ähnliche Ergebnisse brachte eine 2003 veröffentlichte Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PriceWaterhouseCoopers (PWC). Demnach waren 39 Prozent der Unternehmen in Deutschland von Wirtschaftskriminalität betroffen.

Wut, Enttäuschung und Ohnmacht

Immer öfter manipulieren Mitarbeiter laut Lang nicht aus kühlem Kalkül und zum eigenen finanziellen Vorteil, sondern aus Wut, Enttäuschung und Ohnmacht. Ein Grund dafür sei die unsichere Wirtschaftslage mit Stellenabbau und finanziellen Einschnitten. In einem Fall, bei dem KosiB zur Beratung zugezogen wurde, rastete ein im Zuge einer Restrukturierung gekündigter Systemadministrator aus. Er besorgte eine CD mit Viren-Programmen und spielte 11.000 Viren in das betriebsinterne Netz. Der Schaden lag bei 120.000 Euro, eine Anzeige erfolgte jedoch auch hier nicht.

"Bei den Mitarbeitern ist eine sehr hohe Unsicherheit vorhanden, das Zugehörigkeitsgefühl und die Loyalität zur Firma nehmen ab", erläutert Lang. Ähnliche Beobachtungen gibt es bei der Justiz. "Ich meine schon, dass ein Absinken der Moral und ein Sittenverfall im Arbeitsleben zu beobachten ist", fasst der Leiter der 1. Wirtschaftsabteilung bei der Staatsanwaltschaft München I, Michael Rogger, zusammen.

"Söldnermentalität"

Rogger sieht eine zunehmende "Söldnermentalität" bei den Beschäftigten. Sobald ein Arbeitsverhältnis beendet sei, fühlten sich Mitarbeiter frei, sich zu bedienen. Die Mehrzahl der Fälle stehe in Zusammenhang mit einem Arbeitsplatzwechsel. Meist sei es der Mitarbeiter, der von sich aus geht und dabei noch etwas mitnimmt. Der Oberstaatsanwalt vermutet eine hohe Dunkelziffer. Im Schnitt gebe es bei seiner Abteilung pro Jahr etwa bei Geheimnisverrat weniger als 50 Anzeigen - bei insgesamt rund 2.700 anderen Fällen.

Den allgemeinen Werteverfall sowie die anhaltende Konjunkturschwäche sieht auch die Hermes-Untersuchung als Ursachen für die stetige Zunahme der Wirtschaftskriminalität. Dabei seien auch die Folgen der wirtschaftlichen Schwierigkeiten auf privater Ebene verantwortlich für das Fehlverhalten. "Probleme wie Spiel-, Drogen- oder Alkoholsucht, Schulden, Ehekrisen, Wut und Enttäuschung, Geltungssucht und der Traum vom großen Geld machen weder vor dem Fabriktor noch vor der Führungsebene halt."

Auch fördere der Eindruck, von der eigenen Firma ungerecht behandelt worden zu sein, die Neigung zum Diebstahl. Und schlechte Beispiele verderben laut Hermes-Studie die guten Sitten - Beispiele, wie sie auch bei Managern immer wieder ans Licht kamen. "Deren Vorbild-Funktion wirkt leider ganz besonders auch im negativen Sinne", heißt es in der Studie.(APA)

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    foto: photodisc
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