Die Insel der Euroskeptiker

16. Dezember 2004, 12:47
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Der Triumph der rechtspopulistischen "United Kingdom Independence Party" verändert die britische Politlandschaft

Ob er denn jemals nach Brüssel und Straßburg fahre, wurde Robert Kilroy-Silk am Morgen nach seinem Wahltriumph gefragt. Was er dort wolle, er lehne das Europäische Parlament doch rundheraus ab. "Natürlich fahre ich", konterte der frisch gebackene Europa-Abgeordnete für die East Midlands, "ich will dort sein, um über die freundliche Scheidung von der EU zu reden". Und, kurze Zeit später: "Ich will es zum Einsturz bringen, dieses korrupte Gebäude, ich will offen legen, wie sie dort unser Geld verprassen".

Kilroy-Silk, ein von der BBC entlassener Talkshowmaster, ist der wahre Sieger der britischen Europawahl. Die United Kingdom Independence Party (UKIP), deren Aushängeschild er ist, kam auf 17 Prozent der Stimmen. Im Jahr 1993 von einer Gruppe euroskeptischer Geschäftsleute gegründet, machte sie beim Europavotum 1999 mit ihrer Forderung nach Austritt aus der EU erstmals von sich reden.

Damals erreichte sie sieben Prozent, glitt bei der folgenden Parlamentswahl in die Bedeutungslosigkeit ab, um jetzt spektakulär aus der Versenkung aufzutauchen.

Die enormen Zugewinne der UKIP verändern die politische Landschaft, und zwar so, dass sie die zwei großen Parteien, Labour und die Konservativen, gleichermaßen in die Bredouille bringen. Die Tories erhielten 27 Prozent (1999: 36 Prozent), die Labour Party 22 (28), die Liberaldemokraten 15 (13), die Grünen sechs (sechs) und die übrigen Parteien 13 Prozent. Mit 39 Prozent lag die Beteiligung höher als vor fünf Jahren, was dem Umstand zu verdanken ist, dass Europa- und Gemeindewahlen auf einen Tag fielen.

Entgeistert sprachen Londoner Kommentatoren vom "Rätsel UKIP". Bisher ist eine rechtspopulistische Partei auf der Insel nie richtig zum Zuge gekommen, anders als in Frankreich, Italien oder Österreich - für die Briten Beweis ihrer überlegenen politischen Hygiene. Jetzt schaffte die Anti-Europa-Partei plötzlich den Sprung zur drittstärksten Kraft, indem sie "Little England" ein Sammelbecken bot. "Little England", ein Begriff, der kleinenglisches Inseldenken skizziert, steht nicht nur für die Skepsis gegenüber Brüssel, sondern auch gegen neue Einwanderer.

Auf ihrer Website zeichnet die UKIP ein Zerrbild vermeintlicher Asylantenströme aus Staaten wie Algerien, Ägypten und der Türkei in ein Land, "das kaum noch Stehplätze frei hat". Ihr Zugpferd Kilroy-Silk stößt ins gleiche Horn. Im Januar hatte der 61-Jährige "die Araber" pauschal als Selbstmordattentäter und Frauenunterdrücker beschimpft, woraufhin ein Proteststurm losbrach und die BBC ihm den Laufpass gab. Der Aufstieg der UKIP, für Kilroy-Silk war es auch ein Stück persönlicher Rache.

Premierminister Tony Blair kommentierte das Resultat zunächst nicht, sein Außenminister Jack Straw charakterisierte es als eine "Protestwahl, so wie sie fast überall sonst in Europa auch" stattgefunden habe. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.6.2004)

Frank Herrmann aus London
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    Der silberhaarige Exmoderator Robert Kilroy-Silk setzt einige Gemeinplätze über die politische Hygiene in Großbritannien außer Kraft.

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