Reverenz an Strawinkys Spätwerk

14. Juni 2004, 20:02
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"The Rake's Progress" - trotz mehrerer Anläufe in der Vergangenheit - als Erstaufführung am Grazer Opernhaus

Abergläubisch durften jene nicht gewesen sein, die The Rake's Progress nun als Erstaufführung am Grazer Opernhaus angesetzt haben. Es war noch die Intendantin Karen Stone: Mindestens zweimal war hier Strawinskys Spätwerk schon auf dem Spielplan, ohne dann aufgeführt zu werden. Der neuerliche Anlauf ist gelungen. Der Rake ist ja in seiner Schichtung von Rückgriffen auf ältere Opernmodelle überaus komplex und daher auch offen für Interpretationen.

Kerstin Maria Pöhler und der Ausstatter Frank Fellmann nutzen das. In Übereinstimmung mit der Rückkehr zur Nummernoper wurden die Schauplätze gewechselt. Vom Garten des Beginns bis zum Irrenhaus am Schluss. Mit verschiebbaren Wänden, Überblendungen und Schnürbodenmaschinerie spielt auch die Bühnentechnik gehörig mit. Die monströse Türkenbab (Chariklia Mavropoulou) erscheint übrigens nicht mit Vollbart, sondern mit kessem Schnauz. Die von Auden erfundene Gestalt des Nick Shadow (Thomas Möwes) ist nicht wie in der Geschichte vom Soldaten als Teufel in Person zu verstehen, sondern als ein Alter Ego von Tom Rakewell (Merlin Miller), das erst im ausgebrochenen Wahnsinn der Reue weicht.

Rakewell, seine Geliebte Anne (Ann-Helen Moen), Vater Trulove (Wilfried Zelinka), die Puffmutter Goose (Fran Lubahn) und der Auktionator Sellem (Wolfgang Nöth) sind aus dem Grazer Ensemble besetzt. Der Dirigent Johannes Stert begegnet den ausgezeichneten Sängern mit viel Aufmerksamkeit, weiß gelegentlich durchaus kräftig zuzupacken, bringt aber die Partitur doch vor allem feinfühlig zum Klingen. (blu/DER STANDARD, Printausgabe, 15.6.2004)

17., 20., 23, und 25. Juni
Grazer Opernhaus
0316/ 80 0819.30
  • Viel Technik - am Schnürboden wie bei den Darstellern: "The Rake's Progress" in Graz
    foto: grazer oper

    Viel Technik - am Schnürboden wie bei den Darstellern: "The Rake's Progress" in Graz

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