Die sauren Zitronen in den USA

14. Juli 2004, 16:11
posten

Jörg Siepmanns "Golden Lemons" demystifiziert eine Tournee der deutschen Punkband

Wien - Am Beginn jedes Konzerts steht stets die gleiche Provokation. "Do you believe in Rock 'n' Roll?", fragt der Sänger, vermeintlich rhetorisch, in den Saal. "Yeah", grölt dann das Publikum zurück, um mit einem rotzigen "We don't!" gleich ein wenig brüskiert zu werden.

Die Goldenen Zitronen, Hamburgs leicht ergraute Punk-Rocker rund um Frontmann Schorsch Kamerun, suchen nicht die eilfertige Zustimmung. In den 20 Jahren ihres Bestehens hat die Band ihren Status als Totalverweigerer mit links gerichteter Systemkritik bis in kleine performative Gesten kultiviert.

In den USA, wohin Jörg Siepmanns Dokumentarfilm Golden Lemons die Zitronen auf eine Tournee begleitet, kennt man die Herren freilich nicht - und ist ob solcher Attitüden zunächst irritiert. Die wenigsten der Konzertbesucher kommen überhaupt wegen ihnen. Wesley Willis heißt der eigentliche Hauptact, ein schizophrener Entertainer, der zu ein paar Akkorden auf dem Synthesizer Songs vorträgt, die etwa nur aus der Wiederholung des Namens Osama Bin Laden bestehen.

Willis, dem stoischen Riesen im Tourbus, gilt Siepmanns Interesse genauso wie der Spaß-College-Fraktion Grand Buffet, die beide mit den Goldenen Zitronen zwei Wochen lang durch den Südwesten unterwegs waren. Er verweigert sich dabei der üblichen Dramaturgie eines Konzertfilms, in dem das Leben abseits der Bühne mit jenem darauf allmählich zur übergeordneten Pose verschmilzt.

Golden Lemons bleibt vielmehr ein Film, der sich dem Peripheren, dem Alltag des Reisens und der Arbeit des Musizierens verschreibt: In schummrigen, nur halb gefüllten Kellerlokalen, wo ein Publikum, das eigentlich für eine Freak-Show bezahlt hat, den Deutschen mit Ratlosigkeit begegnet, einmal sie sogar mit Schuhen bewirft, haftet dem Tourdasein nichts Glamouröses mehr an.

Man merkt dem Film an, dass keiner - vielleicht mit Ausnahme des stets gut gelaunten Willis - an dieser Reise viel Spaß hatte. Das macht ihn zur vergnüglichen Anti-Doku: Siepmann bezeichnet sie als "Ergebnis eines Albtraums" und spitzt diese Sichtweise noch zu, wenn er Kamerun selbstgerecht über die sinnentleerte US-Lebensweise raunen lässt: "Morgens um zehn sitzen die Frauen schon in der Mall und warten darauf, jemandem zu erzählen, wie man Nägel lackiert."

Dass Siepmann diese antiamerikanischen Auffassungen unwidersprochen den Zitronen zuschreibt, sie darüber hinaus als Grantler zeigt, die um ihre Zukunft besorgt sind, haben sie ihm übel genommen: Den Start von Golden Lemons bezeichnen sie als "Ärgernis", denn der Film ignoriere "das Selbstverständnis und den Kontext der Band". Fragt sich nur: Müsste er das überhaupt tun? (DER STANDARD, Printausgabe, 15.6.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh

Derzeit im Schikaneder-Kino

Link

Golden Lemons
Website zum Film
  • Artikelbild
    foto: goldenlemons.de
Share if you care.