Zidane, der bessere Superstar

18. Juni 2004, 18:11
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Franzose bewies unglaubliche Nervenstärke - Beckham mit vergebenem Elfmeter die tragische Figur: "Ich muss für die Niederlage die Verantwortung übernehmen"

Lissabon - Es war als Duell der Giganten angekündigt. Auf der einen Seite der beste Fußballer der Welt (Zinedine Zidane), der mit seiner Ballbeherrschung Millionen Fans verzückt. Auf der anderen der bestbezahlten Kicker (David Beckham). der in den Klatschspalten fast so oft wie auf den Sportseiten zu finden ist. Das Duell der Superstars hielt am Sonntag, was es versprochen hatte. Die Rolle des Helden aber war für Zidane reserviert. Der geniale Regisseur schoss die Franzosen in der Nachspielzeit mit einem Freistoß (91.) und einem Elfmeter (93.) zu einem 2:1-Sieg über England, während sein Real Madrid-Klubkollege Beckham mit einem vergebenen Elfmeter (73.) zur tragischen Figur des ersten großen Schlagers der EURO 2004 wurde.

"Zidane bricht die englischen Herzen"

"ZZ stop - Zidane bricht die englischen Herzen", titelte die englische Zeitung "The Sun" nach dem Thriller vor 62.000 Zuschauern im Estadio da Luz von Lissabon. "Zwei Minuten des Wahnsinns", schrieb "The Guardian", "Gebrochene Löwenherzen", meinte der "Daily Mirror" nach dem leidenschaftlichen Kampf. Dabei schien alles für die "Lionhearts" zu laufen und der spiel- und kampfstarke Beckham ein weiteres Kapitel seiner Erfolgsstory (in Buchform erschienen unter "Mein Leben") zu schreiben.

Nach einem Foul von Lizarazu an ihm bereitete der englische Flankenkönig mit einem Freistoß den Führungstreffer durch Frank Lampard (38.) vor. Und als der erst 18-jährige Sturmtank Wayne Rooney nach einem unwiderstehlichen Antritt von Mikael Silvestre nur noch mit einem Foul im Strafraum gestoppt werden konnte, lagen nur elf Meter zwischen Beckham und dem totalen Triumph. Doch der 29-Jährige scheiterte mit dem Strafstoß an Torhüter Fabien Barthez, was sich in der Nachspielzeit rächte.

Becks mit Tränen

Mit Tränen in den Augen schlich Beckham, der zum zweiten Mal in Folge mit einem verschossenen Elfmeter für England einen Sieg vergeben hat, danach vom Platz. "Das haben wir uns nicht verdient. Wir hätten uns definitiv verdient, dieses Spiel zu gewinnen. Wir haben 89 Minuten sehr stark verteidigt", war der Beckham geknickt. "Wenn ich den Elfmeter verwandelt hätte, hätten wir das Spiel über die Zeit gebracht. Aber Barthez hat mich ausgehorcht. Ich muss für die Niederlage die Verantwortung übernehmen. Meine Aufgabe als Kapitän ist es nun dafür zu sorgen, dass die Mannschaft wieder aufsteht und sich in den nächsten zwei Spielen so präsentiert wie in den 90 Minuten", sagte Becks, der an eine ähnliche Partie auf der anderen Seite schon einmal erlebt hatte. Im Champions League-Finale 1999 drehte Manchester United nach zwei Standardsituationen, die Beckham ausgeführt hatte, gegen Bayern München in der Nachspielzeit die Partie und siegte noch 2:1.

Nervenstarker Zidane

Diesmal trat Zidane zur Vollstreckung an und bewies innerhalb von 132 Sekunden zwei Mal Nervenstärke. Zunächst erwischte er mit einem Freistoß aus rund 20 m Torhüter David James auf dem falschen Fuß, beim Elfmeter schickte er den englischen Schlussmann ins andere Eck. "Wir wollten die Emotionen von 1998 (WM-Titel) und 2000 (EM-Titel) wieder aufleben lassen. Es war ein schweres Spiel, und so wird es das ganze Turnier weitergehen. Das Match ist überhaupt nicht für uns gelaufen. Wir mussten leiden, haben aber noch die Wende geschafft", meinte der bescheidene Superstar, der die nun in 19 Spielen ungeschlagenen Franzosen vor der ersten Niederlage seit zwei Jahren bewahrte.

Die französischen Zeitungen waren in ihren Lobeshymnen auf "Zizou" weniger zurückhaltend. "In zwei Minuten schlägt Zidane England", freute sich "Le Figaro", "Zidane befördert Frankreich ins Paradies", meinte "Le Parisien". Bis zur erfolgreichen Titelverteidigung ist aber noch ein langer Weg. Die Engländer würden sich jedenfalls gerne im Finale an gleicher Stätte bei den Franzosen revanchieren. "Wir haben gegen die beste Mannschaft der Welt extrem gut gespielt. Hoffentlich können wir am 4. Juli noch einmal gegen Frankreich spielen. Wir können nicht immer Pech haben", meinte Englands Teamchef Sven-Göran Eriksson.(APA)

  • Zidane mit einem tröstenden Klaps für David Beckham.

    Zidane mit einem tröstenden Klaps für David Beckham.

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