Du Bois

14. Juni 2004, 17:46
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Es hatte harmlos begonnen: Eines Tages roch es beim Öffnen der Waschmaschine leicht nach Borke

Ob ich die letzten Tage im Wald verbracht hätte, wollte X. wissen und grinste vielsagend: Ich schüttelte energisch den Kopf – und versuchte so zu stehen, dass der Wind meine Witterung nicht zu ihm trug. Nein, antwortete ich knapp und trocken (und tat dabei so, als wüsste ich nicht, worauf X. anspielte), nein, ich hätte mich keine Sekunde im Wald aufgehalten – sonst (aber das tut hier Nichts zur Sache) wäre ich auch dort geblieben, anstatt mich hier – mitten in der Stadt - von ihm blöd anreden zu lassen.

Nicht, dass X. mich tatsächlich ungut angeredet hätte. Oder es gewollt hätte (das hat er noch nie). Vermutlich hätte ich ihn – wäre er so bei mir aufgekreuzt – herber angegangen. Aber das einzige, was an mir gerade herb war, war der emitierte Geruch. Oder besser: der von meiner Kleidung ausgehende Duft. Ich roch nämlich nach Wald. Nach harziger Baumrinde. Wie Rindenmulch auf einem Kinderspielplatz, wenn er nass dampft. Und schon im Bus zu X. war mir aufgefallen, dass die Leute mich komisch angeschaut hatten. Dabei war ich doch nur in den Regen gekommen. Nur ein paar Sekunden.

Der Waldgeist

Der Regenguss hatte plötzlich eingesetzt. Dafür war er umso heftiger gewesen. Doch auch dann, wenn mich nur ein paar Tropfen erwischt hätten, hätte ich den Waldgeist gegeben: Mein T-Shirt hat nämlich seit neuestem die Angewohnheit, bei Kontakt mit Wasser den Geruch nasser Rinde zu verströmen. Sobald und solange es feucht ist. Und als ich es in der Früh aus dem Kasten gefischt hatte, war von Regen- oder Gewitterwolken noch keine Spur zu sehen gewesen. Weder am Himmel noch im Wetterbericht.

Es hatte harmlos begonnen: Eines Tages roch es beim Öffnen der Waschmaschine leicht nach Borke. Beim nächsten Waschgang wurde dieses Erlebnis intensiver. Und vor einer fragte unser Putzgeist, ob wir sicher wären, das mit der Maschine alles in Ordnung sei: Dunkle Wäsche röche wie die Hütte ihres Großvaters. Der, erklärte E. als ich dämlich dreinschaute, hätte sich auf die schöne Kunst des Köhlerns verstanden und sei nur selten aus dem Wald gekommen. Wir wechselten das Waschmittel.

Waschwanderung

Der Erfolg war eher gering: Meine Wäsche roch nun nach dem fremden Pulver – und weiterhin nach Wald. Und zwar genau so lange sie feucht war. Auf der Suche nach der Ursache gingen A. und ich dann systematisch vor. Wir wuschen bei Freunden: Der Wald blieb. Wir wuschen in Waschsalons: Es roch nach Tann und Harz. Wir begannen systematisch nach einem Missetäter in der Wäsche zu suchen –siehe da: sobald eines meiner schwarzen Leiberln in die Nähe der Waschmaschine kam, roch es nach holzig.

Niemand wusste wieso: Ein Servicetechniker, der bei einer Bekannten gerade den Geschirrsspüler davon zu überzeugen versuchte, dass ihre Küche keine Diskothek mit Schaumpartyprogramm sei, riet, meine Wäsche nicht in Trash-Diskontern oder jenseits der östlichen Grenzen zu kaufen. Er habe diesen Fehler gemacht - und nach der ersten Wäsche das ganze Lot weg schmeissen müssen. Das Zeug habe gotterbärmlich nach gekochter und ausgewrungener Katze gerochen. Kurz, so der Techniker, habe er an tätliche Rache in Ungarn gedacht.

Standardisiert Ware

Nur: Meine Leiberln sind nicht aus Ungarn. In T-Shirt-Fragen bin ich mittlerweile pragmatisch. Was sich nicht verwäscht und verzieht, wird in Stapeln gekauft und verbraucht. In mehreren Farben. Und das praktische bei den Herrenbasics aus dem Hause I. – der günstigen Shoppingmallkette des nobleren Damenwäschelabels C. – ist ja, dass die Dinger einen Code am Etikett tragen: Textur und Schnitt wären also erkennbar, so die Verkäuferinnen, man könne standardisierte Ware kaufen. Ich bin für ein solches Service dankbar.

Wieso aber nur die schwarzen Shirts –nach ein paar Dutzend Wäschen – dem Geruch von Natur und Abenteuer anhingen, war den (ohne feuchtes Shirt) damit konfrontierten Damen im Shop ein Rätsel: Ich möge an die Zentrale schreiben. Dort ließ man sich Zeit bevor man antwortete: Derartiges sei bisher noch nie vorgekommen, hieß es dann. Man habe sogar bei Bekannten und Freunden nachgefragt: nie habe ein Shirt seine Duftmarke einen Eigenduft entwickelt. Oder gar eine Duftmarke verändert. Ob ich, feixte die Kommunikationsabteilung des Unternehmens, denn sicher sei, nicht im Wald zu wohnen.

Ich begann zu weinen und machte mich auf den Weg zu X. Er wollte mir über seinen neuen Job erzählen. In der Kommunikationsabteilung einer Textilfirma. Dass draussen dunkle Gewitterwolken aufzogen, übersah ich leider.

  • Die wöchentliche Kolumne von Thomas RottenbergJede Woche auf derStandard.at/Panorama

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, € 14,90
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