US-Schikanen kosten Milliarden

22. Juni 2004, 14:09
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Strenge Einreise­be­stimmungen sollen vor Terroristen schützen - doch oft werden seriöse Geschäftsleute an den Grenzen abgefangen

US-Unternehmen haben in den vergangenen zwei Jahren 30,7 Mrd. US-Dollar (25,6 Mrd. Euro) durch Grenzschikanen verloren. Zu diesem Ergebnis kommt die Washingtoner Beraterfirma Santangelo Group, die 141 Konzerne in acht Wirtschaftszweigen befragt hat. 60 Prozent davon geben höhere Kosten oder Umsatzeinbußen an. Zu den Kosten, die der US-Wirtschaft entstehen, kommen weitere Milliarden an Kosten der beteiligten ausländischen Lieferanten. Das Ausmaß dieses Schadens wurde bisher jedoch noch nicht erhoben.

Boeing berichtet über Flugzeuge, die monatelang im Hangar standen, weil die Piloten der ausländischen Kunden kein Visum bekamen, um die Maschinen in den USA abzuholen. Andere US-Firmen beklagen, dass ihre Kunden kein Visum zur Besichtigung gewünschter Produkte bekamen, Angestellte ausländischer Niederlassungen für bestimmte Projekte nicht einreisen durften, Weiterbildungen im Ausland organisiert werden mussten, damit auch nicht amerikanische Mitarbeiter teilnehmen konnten.

Kurioserweise haben es nicht die Staaten, die als Förderer des Terrorismus gelten, am schwersten: Es sind vor allem Geschäftsreisende aus China, Indien und Russland, denen seit den Anschlägen von 9/11 die Einreise erschwert wird. Danach folgen Malaysier, Indonesier und Südkoreaner.

Besondere Probleme bereiten die verschärften Regelungen den Mittelständlern, die nicht über nötige Kontakte und Netzwerke verfügen, um die Probleme an den Grenzen schnell und unkompliziert zu lösen. "Wir sind alle für die nationale Sicherheit, aber die Maßnahmen müssen die Realitäten der globalisierten Welt widerspiegeln", fordert Bill Reinsch, Präsident des Unternehmerverbandes National Foreign Trade Council.


Fingerabdrücke

Auch die wirtschaftlichen Beziehungen zu Österreich, für das die USA der wichtigste Handelspartner außerhalb Europas sind, werden durch verschärfte Einreisebedingungen belastet. Österreichische Geschäftsreisende, die sich länger als 90 Tage in den USA aufhalten wollen, brauchen ein Visum. Vor dem 11. September 2001 konnten sie das noch kurzfristig per Post beim Generalkonsulat oder bei der US-Botschaft beantragen - jetzt müssen sie persönlich vorsprechen. Dabei werden ihnen Fingerabdrücke abgenommen und in einem detaillierten Interview Fragen zum geplanten Aufenthalt gestellt.

"Mehrere Firmen haben uns von Verzögerungen bei der Visumausstellung berichtet", sagt Bruno Freytag, österreichischer Handelsbeauftragter in New York. Ihm sei jedoch kein Fall bekannt, wo einem Geschäftsreisenden dabei die Einreise verweigert wurde.

Lebensmittel betroffen

Hinsichtlich der Warenlieferung bemerkt Freytag, dass Lebensmittelhersteller ihre Produkte jetzt nicht länger nur durch die Food and Drug Administration (FDA) registrieren lassen müssen, sondern auch eine so genannte "prior notice" zu erstellen haben: "Die FDA schätzt, dass aufgrund dieser neuen Bestimmungen 16 Prozent der bisherigen Lieferanten - speziell kleinere Unternehmen - ihre Lieferungen in die USA einstellen könnten."

Die American Chamber of Commerce in Frankfurt hat auf ihrer Website ein Chatforum für Mitglieder eingerichtet, die häufig in die USA reisen. Ein großer deutscher Maschinenhersteller, der anonym bleiben will, kritisiert dort, dass er bei Problemen jederzeit deutsche Spezialisten zur Verfügung zu stellen muss. Die dafür notwendigen Stand-by-Visa seien derzeit aber nicht zu erhalten. Insgesamt vier Fünftel der befragten Geschäftsleute zeigen sich mit dem Stand der Visabearbeitungen höchst unzufrieden.

US-Außenminister Colin Powell hat bereits eingestanden, dass sein Land gegen den Eindruck kämpfen müsse, es ließe ausländische Besucher und Geschäftsleute vor verschlossenen Türen stehen. Er plädiert dafür, dass der Kongress die ursprünglich für Herbst geplante Einführung maschinenlesbarer Reisepässe um zwei Jahre aufschiebt. Diese Regelung betrifft 26 Staaten, deren Staatsbürger bisher ohne Visa in die USA reisen durften.

Kelly Shannon, Sprecherin beim US-Amt für Konsulatsangelegenheiten, versichert indes, man habe zusätzliche Stellen geschaffen und eine Million Dollar in ein neues Computersystem investiert, damit Visaanträge künftig schneller bearbeitet werden könnten. "Mehr als 80 Prozent der Gesuche, die genauer geprüft werden müssen, können jetzt innerhalb von drei Wochen bearbeitet werden."

Studentenrückgang

Wie effizient die Verbesserungen sind, wird sich spätestens nach den Sommerferien bei den US-Universitäten zeigen. Diese verzeichnen zum Teil drastische Rückgänge an ausländischen Studenten, Professoren und Forschern, und warnen schon seit Monaten vor einem Verlust der wissenschaftlichen Elite, die die USA bisher zur führenden Forschungsnation gemacht hat. Laut einer Studie der National Science Foundation (NSF) sind seit den Terroranschlägen 20 Prozent weniger Visa für ausländische Studenten ausgestellt worden.

Und was Forscher und Professoren angeht, sind nicht länger nur ausländische Chemiker oder Physiker suspekt. Auch Fachrichtungen wie Städteplanung oder Landschaftsgestaltung gelten beim US-Sicherheitsministerium jetzt als "sicherheitsrelevante Sparten". (Beatrice Uerlings aus New York, Der Standard, 14.06.2004)

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    Ohne Fingerprints und ausführliche Interviews kein Visum für die USA: Verschärfte Einreisebestimmungen kosten der US-Wirtschaft und ihren Partnern bereits enorme Summen

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