Von der Korrektheit zur Korrektion

11. Juni 2004, 22:49
posten

Gut gemeint ist auch bei der Sprachpolizei das Gegenteil von gut

Es wäre müßig, all die verzwickten Anlässe für großmäulig in die Welt hinausgeblasene Political Correctnes - die in den vergangenen Tagen über das Land gekommen sind wie zähflüssiger Schleim - Revue passieren zu lassen. Alle haben es mitbekommen, keiner hat es verstanden, die Protagonisten haben sich in die Milchbar zurückgezogen und grinsen sich eins, während unsereins vor einer der großen Herausforderungen der deutschen Sprache steht, dem Umstand nämlich, dass das Gleiche noch lange nicht dasselbe ist. Umgekehrt schon, aber das würde zu weit ins Hintergründige führen. Und dort hat das, worüber in diesem Zusammenhang zu reden ist, absolut nichts verloren.

Die mit dem Strich gebürstete Sprache - was anderes ist denn die großflächige Tabuisierung von Vokabeln? - bewegt sich ausschließlich an der Oberfläche. Aus diesem Grund haben es gerade jene, gegen die das Tabu sich in erster Linie richten sollte, am leichtesten, es für sich zu akzeptieren. Mag sein, der ursprünglich Sinn der Forderung nach korrekter Rede lag im Wunsch, es solle die Gedankenlosigkeit aus der Sprache verschwinden. Der Wunsch war naturgemäß eitel, denn die Sprache hat einen selbstverständlichen Platz auch für die Dummheit; ja selbst fürs Fetzendepperte. Deshalb blieb von diesem hehren Wunsch nur noch der schnoddrige Befehl, also im Grunde ein ganzes Wörterbuch an überkommenen Vorurteilen nach dem Muster infantiler Lebenserfahrung: Pfui gack, das sagt man nicht. Die Korrektheit hat sich ins Gegenteil gekehrt, die Korrektion, zu der man nicht ohne Grund das Wort Zelle assoziiert.

Auf Dauer konnte das nicht gut gehen. Die Gedankenlosigkeit des Sprechers erweist sich heute gerade an der Korrektheit der Worte, die keinen Raum mehr lässt fürs einschlägige Spiel und damit fürs Kommunikative. Wer nur auf den Klang der Wörter horcht - Neger, Weiber, Juden, Nazitrauergemeinde -, verliert schnell das Gespür für den Inhalt und gleicht somit im Handumdrehen dem Hund, der die Mittagsglocke schon fürs Fressen hält.

Mittlerweile wird die Sprachkorrektion ohnehin nur noch augenzwinkernd geübt und als Waffe gegen den jeweils anderen (die jeweils andere!) ins Treffen geführt. Das macht die Sache noch unerträglicher, denn das ist der Versuch, die Leute für blöd zu verkaufen. Und zwar nach der Grundformel: Je blöder der Verkäufer, desto intensiver. Von Karl Kraus stammt die Einsicht, das untrügliche Kennzeichen eines Deutschnationalen sei, dass er die deutsche Sprache nicht beherrscht. Der heutige Leser sollte sich nicht mit der politischen Zuordnung herumquälen. Sondern sich besorgt fragen, ob nicht, so gesehen, die Deutschnationalen längst schon die Macht übernommen haben hierzulande. (Wolfgang Weisgram/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13. 6. 2004)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.