Tanz den Ulysses

13. Juni 2004, 12:00
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Zur 100. Wiederkehr des Bloomsday: James Joyce' Roman "Ulysses" verewigte einen bestimmten Tag, den 16. Juni 1904

Der Romanheld Leopold Bloom wandert am 16. Juni 1904 als moderner Odysseus durch Dublin...


Im Juni 1924 musste sich James Joyce in einer Pariser Klinik seiner bereits fünften Augenoperation unterziehen. Nach dem Eingriff klagte Joyce über große Schmerzen, die er mit Kokain zu lindern versuchte. Als hätte Joyce mit seinen Augen nicht schon genug Probleme gehabt, machten ihm damals auch noch seine Zähne zu schaffen und außerdem litt er an den Folgen eines schweren Nervenzusammenbruchs.

In dieser Phase tiefster Niedergeschlagenheit überraschten ihn einige Freunde im Krankenhaus mit einer kleinen improvisierten Feier. An seine Mäzenin, die englische Millionärin Harriet Shaw Weaver, schrieb er: "Es gibt eine Gruppe von Leuten, die Bloom's Day feiern, so nennen sie den 16. Juni. Sie haben mir Hortensien gebracht, weiße und blaue, gefärbt." Aus diesem Brief geht also hervor, dass bereits zwei Jahre nach dem Erscheinen des Ulysses der 16. Juni als "Bloomsday" gefeiert wurde. Im konkreten Fall handelte es sich um die zwanzigste Wiederkehr jenes ominösen Tages, an dem der Ulysses spielt.

Einer von Joyces Grundsätzen beim Schreiben lautete, "Werk und Leben im selben Gewebe miteinander zu verweben." Da Joyce Zahlenmystiker war - nicht zufällig erschien der Ulysses am 2. 2. 22, dem vierzigsten Geburtstag des Autors - und er auf die Zeremonisierung von Kalendertagen großen Wert legte, war es für ihn selbstverständlich, wichtige Ereignisse in seinem Leben literarisch zu verarbeiten. Vor diesem Hintergrund kann es also nicht weiter überraschen, dass Joyce eine auf den ersten Blick unbedeutende Episode in den Rang eines Mysteriums erhob, nämlich sein erstes Rendezvous mit dem 20-jährigen Stubenmädchen Nora Barnacle am Donnerstag, dem 16. Juni 1904, in Dublin.

Joyce war, als er Nora kennen lernte, zwar erst zweiundzwanzig Jahre alt, aber als Dichter bereits so weit sensibilisiert, dass er das poetische Potenzial dieser Begegnung sofort erkannte und Nora ab diesem Zeitpunkt nicht nur mit den - schlechten - Augen eines jungen Mannes betrachtete, sondern auch mit dem klaren Blick des Künstlers. Als Joyce zehn Jahre später in Triest mit der Niederschrift des Ulysses begann, setzte er dieser Begegnung ein Denkmal, indem er seinen Helden Leopold Bloom als modernen Odysseus an ebendiesem Tag durch Dublin wandern lässt.

Was war nun das Besondere an diesem 16. Juni 1904? Zunächst einmal dürfte Joyce in sexueller Hinsicht von Noras direktem Zugriff begeistert gewesen sein, denn noch Jahre später erinnerte er sich, dass ihm Nora an diesem Abend in Ringsend "langsam einen runterholte", bis er sich zwischen ihren Fingern ergoss. Im so genannten "Penelope"-Kapitel des Ulysses, dem berühmten inneren Monolog der Molly Bloom, hat Joyce dieses Erlebnis aus Mollys (also Noras) Sicht genauestens beschrieben. Sexuelle Detailaufnahmen dieser Art, von denen es im Ulysses viele gibt, waren dann auch einer der Gründe, weshalb der Roman in Großbritannien und den USA mehr als zehn Jahre lang verboten war. Aber nicht nur englische und amerikanische Richter vertraten die Ansicht, das Buch sei "pornografisch", auch Schriftstellerkollegen wie D. H. Lawrence ließen an Joyces Roman kein gutes Haar. Letzterer bezeichnete das "Penelope"-Kapitel als "das dreckigste, unanständigste und obszönste Zeug, das je geschrieben worden ist", und Virginia Woolf qualifizierte das Buch als "primitiv und ungebildet" ab. Der 16. Juni 1904 bedeutete aber für Joyce nicht nur einen Wendepunkt in seinem Leben als Mann, sondern auch in seinem Selbstverständnis als freier Künstler. An diesem Tag hat Joyce nämlich endgültig entschieden, Irland, diese "alte Sau", für immer zu verlassen - und zwar gemeinsam mit Nora.

Bereits als 21-Jähriger hatte Joyce einen Ausbruchsversuch gewagt, der allerdings kläglich scheiterte. In Paris, wo er Medizin studieren wollte, musste er erkennen, dass er es im selbst gewählten Exil auf dem Kontinent alleine nicht schaffen würde. Aber selbst das missglückte Paris-Abenteuer konnte ihn nicht davon abhalten, es wenig später noch einmal zu versuchen. Alles, was ihm fehlte, war ein äußerer Anlass, um den entscheidenden Schritt erneut zu wagen. Dieser Anlass "erschien" ihm im wahrsten Sinne des Wortes am 10. Juni 1904 auf der Nassau Street, als er eine junge Frau erblickte. Sie hieß Nora Barnacle, stammte aus Galway und war erst kurz zuvor nach Dublin gekommen, wo sie in "Finn's Hotel" in der Leinster Street als Stubenmädchen arbeitete. Auch Nora dürfte an Joyce Gefallen gefunden haben, denn schließlich verabredeten sich die beiden für den 16. Juni. Der Rest ist Literaturgeschichte.

Joyce dürfte instinktiv gespürt haben, dass Nora in dieser stürmischen Zeit eine Art Rettungsanker für ihn war, und er unternahm alles, um sie für sich und seine Pläne zu gewinnen. Zieht man in Betracht, dass zwischen dem ersten Treffen der beiden und ihrer Emigration aus Irland am 8. Oktober 1904 eine Zeitspanne von gerade einmal vier Monaten lag, kann man ermessen, mit welcher Vehemenz Joyce seinen Plan verfolgt haben muss.

Vor diesem Hintergrund wird also verständlich, weshalb dieser 16. Juni 1904 für Joyce eine geradezu mystische Bedeutung hatte und weshalb es für ihn eine besondere Genugtuung war, dass nach achtjähriger Arbeit an seinem Roman die - zunächst wenigen - Leserinnen und Leser die Bedeutung dieses "Bloomsday" sehr wohl erkannten.

In einer Tagebucheintragung anlässlich des zwanzigsten Jahrestags von Blooms Odyssee durch Dublin stellte sich Joyce am 16. Juni 1924 die bange Frage: "Wird man sich auch noch später an dieses Datum erinnern?" Wie sich herausstellte, waren Joyces Zweifel unbegründet, denn im Laufe der Jahre entwickelte sich der 16. Juni zu einem wahrlich internationalen Ulysses-Feiertag, an dem im Namen Joyces und seiner Ulysses-Helden gewandert, gelesen, gesungen, getanzt und - vor allem - getrunken wird.

Wie man weiß, war Joyce selbst exzessiver Trinker, und auch im Ulysses gibt es kaum ein alkoholisches Getränk, das an diesem 16. Juni 1904 nicht konsumiert werden würde. Insofern entspricht es auch einer gewissen Logik, dass sich aus den diversen "Bloomsday"-Feiern in Dublin das so genannte "Pub Crawling", also die "Kneipenbekriechung", entwickelt hat, die es heute immer noch gibt. Der Autor des Ulysses hätte an dieser Form der Begehung - oder besser gesagt, Bekriechung - des "Bloomsday" sicherlich seine wahre Freude gehabt, lieferte er doch im Ulysses gleich das passende Motto dazu, das da lautet: "Da werden wir uns so glorios besaufen, dass sämtlichen druidischen Druiden die Spucke wegbleibt." (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.6.2004)

Von
Kurt Palm

  • Kurt Palm:
    Der Brechreiz eines Hottentotten.
    Ein James-Joyce-Alphabet von Aal bis Zahl.
    € 24,80/280 Seiten. Löcker, Wien 2003.


  • Der Autor führt am 13. Juni um 16 Uhr im Atelier Augarten (Scherzgasse 1A, 1020 Wien) durch die Ausstellung "Ulysses".

    Am 16. Juni um 20 Uhr wird Palm im Literaturhaus Salzburg unter dem Titel "Abends esse ich gewöhnlich Blutwurst. Essen und trinken mit James Joyce", ein Kochtheater anlässlich des 100. Bloomsday geben.
    • James Joyce, 1922 in 
Paris. Unsere Abbildung stammt aus dem von Thomas 
Trumer herausgegebenen Band "Ulysses. Die unausweichliche Modalität des Sichtbaren. Der Roman von James Joyce in der zeitgenössischen Kunst" (Brandstätter Verlag, 
€ 35,-) wird anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Atelier 
Augarten vorgestellt.
      foto: buch

      James Joyce, 1922 in Paris.

      Unsere Abbildung stammt aus dem von Thomas Trumer herausgegebenen Band "Ulysses. Die unausweichliche Modalität des Sichtbaren. Der Roman von James Joyce in der zeitgenössischen Kunst" (Brandstätter Verlag, € 35,-) wird anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Atelier Augarten vorgestellt.

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