Peter Handkes "Angst des Tormanns . . ."

11. Juni 2004, 21:09
posten

Handkes Erzählung vom armen Monteur Bloch gehört bis heute zu den klügsten, spannendsten und verstörendsten Werken der deutschen Nachkriegsliteratur

Es ist noch nicht allzu lange her, dass die Sprache - und damit das Schreiben und Beschreiben - für die ernsthaften Schriftsteller zum Problem wurde. Wittgensteins logische Untersuchungen zur Alltagssprache und die psychoanalytische Theorie auf der einen Seite, die Skepsis gegenüber der politischen Sprache auf der anderen führten zu einem so prinzipiellen Verdacht gegenüber der "Wahrheit" literarischer Kunstwerke, dass die besonders vorschnellen Ideologen bereits das Ende des Romans feststellten.

Vor diesem Hintergrund entstanden vor dreißig Jahren einige der besten Prosabücher der deutschen Literatur, von Thomas Bernhards Kalkwerk bis zu Peter Handkes Die Angst des Tormanns beim Elfmeter, und sie sind deshalb so vorbildlich geblieben, weil sie das Problematische unseres Umgangs mit der Sprache nicht ausgeblendet haben.

Handkes Erzählung vom armen Monteur Josef Bloch, der früher ein bekannter Tormann gewesen war und am Beginn der Geschichte von seiner Firma entlassen wird (oder annimmt, entlassen worden zu sein), gehört bis heute zu den klügsten, spannendsten und verstörendsten Werken der deutschen Nachkriegsliteratur. Es ist eine Krankengeschichte: Bloch zeigt Symptome einer manifesten Schizophrenie.

Innenwelt und Außenwelt, normalerweise durch eine verständliche Sprache vermittelt, klaffen auseinander. Je länger er auf seinen ziellosen Wanderungen durch Wien unterwegs ist, desto mehr kommt ihm die Welt abhanden. Die Dinge entziehen sich seinen Worten, sie führen ein Eigenleben. Blochs übersteigerte Wahrnehmungsintensität findet keinen Ausdruck mehr: "Einerseits diese Aufdringlichkeit der Umgebung, wenn er die Augen offen hatte, andererseits diese noch schlimmere Aufdringlichkeit der Wörter für die Sachen in der Umgebung, wenn er die Augen geschlossen hatte."

In dieser heillosen Situation lernt er die Kassiererin eines Kinos kennen. Sie verbringen eine Nacht miteinander. ",Ich heiße Gerda!' sagte sie. Bloch hatte es gar nicht wissen wollen . . . Ob er heute zur Arbeit gehe? fragte sie. Plötzlich würgte er sie. Er hatte gleich so fest zugedrückt, dass sie gar nicht dazugekommen war, es noch als Spaß aufzufassen."

Bloch, der Mörder, fährt zu einer früheren Freundin, die in einem südlichen Grenzort eine Gastwirtschaft führt - aus der Krankengeschichte wird ein sehr ungewöhnlicher Kriminalroman, in dem die Rollen von Täter und Opfer verschwimmen. Am Ende finden wir Bloch als Zuschauer bei einem Fußballspiel. Es wird ein Elfmeter gegeben. Bloch erklärt sehr genau und rational die verschiedenen Möglichkeiten des Torschützen und des Torhüters, sich gegenseitig zu täuschen. "Der Schütze lief plötzlich an. Der Tormann, der einen grellgelben Pullover anhatte, blieb unbeweglich stehen, und der Elfmeterschütze schoss ihm den Ball in die Hände."

Handkes Ursachenforschung eines sich selbst fremd werdenden Menschen gewinnt seine Spannung ganz aus der Perspektive des distanziert mitgehenden Zuschauers, der Josef Bloch auf seiner Odyssee begleitet. So liest sich die Geschichte des extrem geräuschempfindlichen, mit Sensibilität geplagten Menschen, der zum Mörder wird, wie ein Fall. Ein "Fall" allerdings, der lange nachhallt, bis heute. (DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.6.2004)

Den dreizehnten Band der "Süddeutschen
Bibliothek" präsentiert Michael Krüger
  • Artikelbild
    foto: süddeutsche bibliothek
Share if you care.