Stopptafel als Startsignal

27. Juli 2004, 15:46
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Wien ist für die russische Designerin Lena Kvadrat der Ausgangspunkt geworden, von dem sie ein Netzwerk in die westliche Modewelt gesponnen hat

Produziert wird in Moskau in einem noch immer untypischen Kleinbetrieb.

Moskau/Wien - Wer den ganzen Tag mit Kleidung arbeitet, redet deswegen noch lange nicht in erster Linie über Mode. Das Reale, das Imaginäre und das Symbol - eine Philosophin sitzt dem Chronisten gegenüber in Gestalt der russischen Modeschöpferin Lena Kvadrat: Das Reale ist das Durchlebte, somit Vergangenheit. Wer ausschließlich im Moment der Gegenwart lebt, erstarrt im Imaginären. Vergangenheit und Gegenwart aber schaffen das Symbol, das auf Künftiges verweist und Kultur bestimmt.

Die 37-jährige Moskauerin ist in der Sowjetunion aufgewachsen und weiß: Ein Pluralismus von Symbolen ist Kennzeichen einer hohen Kultur. Je totalitärer der Staat, umso eintöniger die Symbole; und umso mehr Massenkultur in der Gesellschaft: etwa dann, wenn in 30 verschiedenen Kinos ein und derselbe Film läuft. Nimmt man die dünne Schicht der Marmelade aus der Sachertorte, ist sie keine Sachertorte mehr; verschwinden die Kulturträger und -stifter, kommen der Gesellschaft die Symbolschöpfer abhanden.

Gut, und die Mode? Die geht als Symbol spazieren, als eine zum Ornament komprimierte Information über Kultur. Die Designerin Kvadrat spielt mit den verschiedenen Standpunkten, die der Träger mittels seiner Kleidung mitteilt. Mit einem Ornamentdetail schafft er den Sprung aus der Masse. Jeder will wo dazugehören - weg von der Masse, hin zur gewünschten Gruppe. Wenn die das Zeichen auf dem Körper richtig liest, ist der Kontakt da.

Kontakt war da, als Lena Kvadrat 1999 mit ihrem Modelabel Artpoint im Wiener WUK ausstellte. Es folgten Präsentationen, Performances und dann die Mundpropaganda, als die ersten Stücke zum Verkauf auslagen. Vor eineinhalb Jahren schließlich das eigene Geschäft in der Westbahnstraße - Wien ist für die agile Modeschöpferin zum Ausgangspunkt geworden, um als junge russische Designerin das Netzwerk in die westliche Modewelt zu spinnen.

Von Wien gehen die Stücke mittlerweile in 40 Länder der Welt. Ein weiteres Geschäft wurde vor kurzem in Berlin eröffnet. Produziert wird in Moskau, wo seit 1999 in einem eigenen Geschäft verkauft wird. Insgesamt 20 Mitarbeiter zählt der für die russische Wirtschaftsstruktur untypische Kleinbetrieb.

Allemal ein steiniger Weg, seit der Gründung des Labels 1993. Mit der Perestroika tat sich für die damals 26-jährige Künstlerin plötzlich die Möglichkeit zum eigenen Unternehmen auf: "Wir jungen Menschen befanden uns gleich nach der Schule in der Marktwirtschaft und hatten einfach keine Angst."

Keine Angst. Bunt, verspielt, aber demokratisch, wie man in Russland heute "erschwinglich" umschreibt - so geht die Kunst als Kleidung auf den Körper. Jede Kollektion, präsentiert in eigenwilligen Performances, hat ihr Motto: "Albinos", "Internatsschule", "Konsonanten" oder nun "Dandyismus". Da kommen schon einmal Verkehrszeichen oder medizinische Logos auf die Kleidungsstücke. Und wollen gelesen werden wie das häufigste Zeichen einer Stadt, das es gar bis zum Geschäftszeichen in der Westbahnstraße gebracht hat: die Stopptafel. (Der Standard, Printausgabe 12./13.6.2004)

Von Eduard Steiner

www.artpoint.ru
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    www.artpoint.ru/irina korina
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