Spieltheoretiker hoch im Kurs

24. Mai 2005, 18:00
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Akademiker versuchen mit mathematischen Modellen Bieter-Verhalten vorher­zu­sagen, und stoßen dabei beim bevorstehenden IPO auf großes Interesse

Lasset die Spiele beginnen! Während kleine und große Investoren sich auf den mit großer Spannung erwarteten Börsengang der Internet-Suchmaschine Google vorbereiten, versucht eine relativ unbekannte Gruppe von Akademikern das Rätsel zu knacken, wie man am erfolgreichsten an die heiß begehrten Aktien rankommen kann, meldet das Wall Street Journal. Denn Google hat sich ja bekanntlich eine ungewöhnliche Art ausgesucht, um seine Aktien unter das Volk zu bringen. Nämlich eine Aukion.

Die Auktion zur Feststellung des Ausgabepreises ist ein relativ seltenes und umstrittenes Verfahren. Interessenten teilen dabei mit, wie viele Aktien und zu welchem Preis sie diese haben möchten. Auf Grundlage dieser Daten wird ein Preis festgelegt, zu dem die Papiere zugeteilt werden. Wer mit seinem Angebot unter dem Ausgabepreis liegt, bekommt nichts.

Auktionstheoretiker sind dabei hoch im Kurs, da sie das Verhalten der Bieter antizipieren; wie viel Geld sie bereit sind zu bezahlen, und ob die Gewinner nicht zuviel für ihren Sieg bezahlen.

Verhalten abschätzen

Bill Miller, ein Portfolio Manager für Legg Mason, ein Google-Interessent, hat schon zwei Auktionstheoretiker zu Rate gezogen. Studenten der Auktionstheorie in New York und Kalifornien evaluieren Google als Fallbeispiel. Und im Mai hat sogar Google einen der bekanntesten Auktionstheoretiker konsultiert.

Auktionstheorie ist mit der Spieltheorie eng verwandt, bei der es darum geht mit Hilfe von Mathematik, Psychologie und ökonomischen Modellen das Verhalten von Personen abzuschätzen. Aber es geht nicht nur um Pokerspiele. Spieltheorie wird in so unterschiedlichen Gebieten eingesetzt wie Finanzmärkte, politischen Strategien oder Flughafengebühren.

Ölförderaufträge und Mobilfunkfrequenzen

Auch in der Geschäftswelt findet die Auktionentheorie zur Zeit immer mehr Anklang. 1994 unterstützten Theoretiker der Stanford University die US Federal Communications Commission bei der Herstellung von Richtlinien für eine Auktion für Mobilfunkfrequenzen. Ölkonzerne haben die Hilfe der Auktionstheoretiker beansprucht, wenn es darum ging, sich um Ölförderaufträge in Überseegebieten zu bemühen.

Die Akademiker finden den Fall Google besonders faszinierend, weil eine sehr große Gruppe sehr unterschiedlicher Investoren um Google mitbietet. Da der Bieterpool sowohl professionelle wie auch unprofesionelle Investoren beinhaltet, ist die Chance größer, dass einige von ihnen zuviel bezahlen werden. Darüber hinaus werden die individuellen Anleger sicherlich andere Bewertungskriterien anlegen als die Fondsmanager der großen Finanzhäuser.

„Winners Curse“

Wie in allen Auktionen, ist der „Winners Curse“ (Fluch des Gewinners) eines der größten Risken der Google-IPO. Dabei gewinnt ein Bieter, indem er zuviel bezahlt. „Wie sich die Gewinner und Verlierer in solchen Situationen verhalten, wissen wir noch nicht so genau“, erklärt John Miller, Wirtschaftsprofessor an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh. „Die Forschung ist noch sehr bruchstückhaft vorhanden. Allerdings haben wir jetzt eine einzigartige Möglichkeit genau dieses Verhalten zu untersuchen – ein Drei-Milliarden-Dollar-Experiment.“

Da jedoch der Pool an Bietern so groß ist, wird es schwierig – und riskant – werden, sein Angebot lediglich auf Grund der Annahme zu setzen, was andere bieten werden. Der allgemeine Tenor der meisten Wissenschafter lautet daher, einfach den Betrag zu bieten, den man für richtig hält. (sam)

  • Auktionstheorie ist mit der Spieltheorie eng verwandt, bei der es darum geht mit Hilfe von Mathematik, Psychologie und ökonomischen Modellen das Verhalten von Personen abzuschätzen
    foto: photodisc

    Auktionstheorie ist mit der Spieltheorie eng verwandt, bei der es darum geht mit Hilfe von Mathematik, Psychologie und ökonomischen Modellen das Verhalten von Personen abzuschätzen

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