Eine babylonische Sprachverwirrung - Chaos nach der EU-Erweiterung

8. Juli 2004, 17:00
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Brüssel - Karl-Johann Lönnroth greift zum Galgenhumor: "Wenn Sie jemandenkennen, der von Maltesisch auf Finnisch übersetzt, lassen Sie es mich wissen." Bisher hat sich leider niemand mit den Spezialkenntnissen beim Chef der EU-Übersetzungsabteilung gemeldet.

Mit der EU-Erweiterung ist die babylonische Sprachverwirrung in Brüssel ausgebrochen. Jedes Kommissionsdokument, von der Olivenölproduktionsreform bis zu Hilfsmaßnahmen in Afghanistan, muss schriftlich in jede der EU-Amtssprachen übersetzt werden. Und das sind seit der Erweiterung - zwanzig.

Der Stapel unübersetzter Seiten ist schon auf einen Packen von 60.000 angewachsen. Er wird täglich höher - sodass sich Verwaltungskommissar Neil Kinnock zur Notmaßnahme gezwungen sieht: Er will, zum Schock der Brüsseler Bürokraten, die Papierproduktion drastisch senken. Und ordnete an, dass kein EU-Dokument länger als 15 Seiten sein darf. Derzeit sind es im Schnitt 32. Kinnock hält die Verkürzung für unumgänglich: "Sonst brauchen wir 4000 statt 2400 Übersetzer, und der Papierberg wächst auf 300.000 Seiten."

Die schriftlichen Übersetzer sind nicht die Einzigen, denen die Erweiterung zu schaffen macht. Auch ihre Kollegen, die Dolmetscher, sehen sich vor schweren Herausforderungen - etwa der, in Räten von Portugiesisch auf Lettisch zu übersetzen. Schon am 4. Mai, vier Tage nach der Erweiterung um zehn Länder und neun Sprachen, kam die erste Herausforderung: Bei Verhandlungen um das Asylrecht wurde in alle 20 EU-Sprachen gedolmetscht.

Spezialproblem Maltesisch Wobei Maltesisch ein Spezialproblem ist: "Wir gingen lange davon aus, dass Malta Englisch als Amtssprache wählt", erzählt Ian Andersen von der Dolmetschabteilung im STANDARD-Gespräch. Falsche Annahme. Im Mai 2002 legte sich Malta auf Maltesisch fest. Mehr als neun Maltesisch-Dolmetscher hat Andersen bisher nicht rekrutieren können, diese Woche ist seine Behörde in Valetta bei Dolmetsch-Auswahlverfahren. Mit der Erweiterung wachsen die Übersetzungskosten: Von 500 Millionen Euro in der Zeit der EU-15 auf 800 Mio. Euro mit den EU-25. Das macht exakt 2,55 Euro per EU-Bürger.

Wobei Andersen keine Illusionen hat: Theoretisch, hat er sich ausgerechnet, gibt es bei 20 Amtssprachen 380 Sprachenkombinationen. Manches kann man daher nicht direkt übersetzen: "Wir werden wahrscheinlich nie jemanden finden, der Lettisch und Maltesisch kann." Daher müssen seine Tausenden Dolmetscher zu Brücken greifen: Einer übersetzt etwa vom Lettischen ins Englische, ein anderer vonm Englischen ins Maltesische.

400 Dolmetscher mit den Erweiterungssprachen hat er angeheuert, weitere sollen folgen. Dennoch bleiben die Übersetzungsbrücken - sie sind aber kein neues EU-Phänomen, erinnert sich Andersen: "Es war etwa in den 70er-Jahren unmöglich, Italienisch-Dolmetscher zu finden, die Niederländisch konnten." Mittlerweile gibt es welche. Und irgendwann findet sich vielleicht ein Dolmetsch, der Finnisch und Maltesisch kann. (eli/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.6.2004)

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