Rationalität und Romantik

13. Mai 2005, 13:19
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Porto : Meisterwerke der Ingenieurbaukunst und die Weite des Atlantiks

Es gibt einige topografische und architektonische Gemeinsamkeiten, die viele Städte interessant machen. Dazu zählen der Hügel, die Brücke und der Fluß. Die zweitgrößte Stadt Portugals kann mit allem davon in mehrfacher Form aufwarten, die eigenwillige und vielschichtige Atmosphäre von Porto wäre damit allerdings nur sehr ungenügend beschrieben.

Nur noch selten wird man in Europa eine Stadt finden, wo das historische Wirtschaftsleben bis in der Gegenwart funktioniert. Hier im Zentrum von Porto mit seiner Altstadt und den zahlreichen Ergänzungen aus dem 19.Jh. hat der Fluß seine Bedeutung als Handelsstraße erhalten können, hier finden sich an seinen Ufern auch Lagerhäuser, zahlreiche Portweinkellereien und Fabriken, die anderswo als Industriedenkmäler erhalten oder zu Yuppie-Lofts umgebaut worden sind.

Die fast schon nostalgisch wirkenden Arbeitsstätten und die mittelalterlichen Wohnviertel der Ribeira sind die untersten „Etagen“ der Ansiedlung, die sich entlang der steil aufsteigenden Hänge am Fluß entwickelt hat. Der Altstadtbezirk am linken Douro-Ufer wurden erst seit der Nelkenrevolution zu neuem Leben erweckt.

Die Sanierungsmaßnahmen haben sich nicht nur für die Touristen gelohnt. Die verwinkelten Gassen mit ihren kleinen Plätzen, Terrassen und Balkonen wirken über das oberflächlich Pittoreske hinaus wie ein Musterbeispiel für eine humane, menschenbezogen Stadtentwicklung.

Die oberen „Stockwerke“ von Porto sind mit den Repräsentationsbauten vieler Jahrhunderte durchsetzt. Weithin sichtbar dominiert der Bischofspalast mit seiner romanischen Kirche und dem phantastischen Panorama das Bild einer Stadt, in deren kleinen Gassen immer noch Handwerker arbeiten und der vergangene Reichtum der Handelsmetropole wahrnehmbar ist. Die Prosperität läßt sich an blau-weißen Kachelfassaden, den Azulejos, der Wohnhäuser über die wuchernden, goldgefaßten Holzschnitzereien der barockisierten Kirche Sao Francisco bis hin zur Börse aus dem 19.Jh. ablesen.

Dieser Handelsplatz des liberalen Bürgertums zählt zu den weniger bekannten Meisterwerken der historistischen Architektur. Mit seiner filigranen Eisenkonstruktion kündet er von technischer Innovationskraft, um dann im arabischen Salon wieder das Geheimnisvolle des Orienthandels zu zitieren. Die Börse ist in ihrer Synthese von Rationalität und Romantik ein gebautes Symbol für die gesamte Stadt. Als wesentlicher Ausgangspunkt für die Eroberung überseeischer Handelsgebiete war Porto seit dem Mittelalter ein Zentrum der maritimen Wissenschaften, die indirekt wieder von der Faszination des Unberechenbaren künden.

Noch unmittelbarer kann man diese Dualität erleben, wenn man das Sichtbare und Spürbare von Porto in sich eindringen läßt: Über den Douro spannen sich die zwei Brücken von Gustave Eiffel und seinen Schülern, jene genialen Leistungen der gründerzeitlichen Ingenieurbaukunst, und gleichzeitig kündigt der „Goldfluß“ die Weite des Atlantiks an, welche die Bedeutung der Stadt bis in die Gegenwart gefördert hat. (DER STANDARD, Printausgabe, 2000)

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