Eine unsagbare Traurigkeit

13. Mai 2005, 13:19
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Der Alentejo - Landschaft mit wortkargen Einwohnern und melancholischen Liedern.

Im diffusen Morgenlicht kündigt sich die Landschaft an. Was früher die Kornkammer Portugals war, liegt heute brach; das Diktat der (EU- )Politik subventioniert Nichtstun. Abseits der Verkehrswege laden die Stille der Olivenhaine und die unberührte Schönheit der mattgrünen Ebene zur Ruhe ein. Ein überladener Lastwagen zieht eine rußschwarze Dieselwolke hinter sich her. Zeit zum Zurückschalten. Die Menschen im Alentejo, der großteils unbekannten Region Portugals, die im Landesinneren südlich des Tejoflußes beginnt und fast bis zur Algarveküste hinunterreicht, sind „von bedächtigem, aber höflichem Ernst“, steht in einem Reiseführer. Bittet man an einem Wegkreuz um Auskunft oder fragt man einen Gastwirt nach Unterkunft, muß man geduldig auf Antwort warten: Eile ist den Menschen fremd. Höflich, aber unmißverständlich fordern sie den Besucher auf, einen Gang zurückzuschalten.

Zeit ist ein dehnbarer Begriff. Die Fahrt durch eine endlose Allee von Korkeichen, deren mit chirurgischer Sorgfalt geschälte Stämme, die „sobreiros“, nackt dastehen, hat bei der Anreise monoton-einschläfernde Wirkung. Ist man aber erst an den bedächtigen Lebensrhythmus gewöhnt, wird das gleiche Wegstück zur Entdeckungsfahrt immer neuer Farbnuancen der rötlich schimmernden „sobreiros“. Kork ist ein wichtigster Exportartikel des Alentejo. Gegen Sommerende sieht man sie manchmal noch, die schwankenden Pferdekarren, auf denen die Rinde zu abenteuerlichen Türmen aufgestapelt ist. Ein Baum gibt bis zu 180 kg des gefragten Naturprodukts, das zu Flaschenkorken, Möbeln, Bodenfliesen oder Schuhsohlen verarbeitet wird. Doch auch hier ist Geduld gefragt: Eine Korkeiche wird nur jedes siebente Jahr enthäutet. Eine in den Stamm geritzte Jahreszahl gibt Auskunft darüber, wann die nächste „Ernte“ fällig ist.

Trotz der üppigen Farbenpracht der Natur, die man in knallig bunt gestrichenen Türen, Fenstern und Häuserecken wiederfindet – angeblich um die Geister abzuhalten –, lastet eine fatale Schwermut über den Menschen. Die Lieder sind langsam und melancholisch. Fernando Pessoa hat diese Gefühlswelt beschrieben als eine „abgründige, existenzielle Traurigkeit, die nichts erhofft und nichts erwartet“.

Mehrere Jahrhunderte lang war das Grenzland zu Spanien ein Schlachtfeld, in dem zuerst Mauren und später die spanischen Nachbarn um Vorherrschaft kämpften. Die Bauern lebten in Angst vor Invasoren, hatten Wehr- und Befestigungsanlagen errichtet, um ihr Land verteidigen zu können. Zeugen der Wehrbereitschaft sind Festungen, die jeden Hügel krönen.

In Elvas erinnert eine Burg aus dem 17. Jh. an Zeiten, als die spanisch-portugiesische Grenze „Konfliktherd“ war. An Frühlingstagen bekommt man dank der zum Shopping angereisten Spanier, die Keramik- und Textilgeschäfte im friedlichen Handstreich nehmen, eine Vorstellung vom aufgeregten Leben des einstigen Handelszentrums. In den Restaurants werden die Produkte der Region in unzähligen Varianten zubereitet. Auch Portugals „Nationalfisch“, der in Salz konservierte, mindestens 48 Stunden entsalzene „bacalao“, darf nicht fehlen.

Der von weißen Häuserfassaden eingefaßte Platz der Republik ist wegen seines Basaltfliesen-Bodens einen Besuch wert. Doch für die hier ganz seltenen Regentage gilt die Warnung: Achtung, Rutschgefahr! Außerhalb der Stadtmauer sorgt das 500 Jahre alte Aquädukt von Amoreira für Trinkwasser.

In Elvas wurde 1942 die erste Pousada (Santa Luzia) eröffnet; seither hat sich das Netz der staatlich-stattlichen Hotelbetriebe, die in historischen Gebäuden untergebracht sind, über ganz Portugal ausgebreitet. Trotz unterschiedlicher Kategorien garantieren die Pousadas einen gleichbleibenden Standard von Service und Leistung.

Die Küche des Alentejo ist bekannt für ihren ausgefeilten Ethno-Mix. Geschmackswelten prallen da aufeinander: Schweinefleisch mit Muscheln, Safranreis, Koriander im „bacalao“ sind Reminszenzen der kolonialen Vergangenheit, und die mit Mandeln zubereiteten Süßigkeiten können die maurische Inspiration nicht verheimlichen.

In Estremoz erreichte Vasco da Gama 1497 der Befehl, mit seiner Flotte in Richtung Indien auszulaufen. Die 1258 „in einem Paradies von reichlich Wasser und fruchtbarem Land“ gegründete Siedlung liegt auf beinahe 500 m Seehöhe. In den steilen, noch nicht asphaltierten Gassen der Altstadt werden Tonfiguren, Krippen, Holzmöbel und allerlei Kunsthandwerk angeboten. Samstags ist der Rossio Marktplatz für antike Möbel, Keramik und sogar Vieh.

Noch ein Ausflug in die Geschichte. Die 1974 von linken Militärs angeführte „Nelkenrevolution“, die den „estado novo“ von Langzeit-Diktator Oliveira Salazar und Nachfolger Marcello Caetano stürzte, wurde im Alentejo begeistert gefeiert. Die Landarbeiter setzten große Hoffnungen in die Revolution. Die von den neuen Machthabern diktierte Landreform hat man hier verwirklicht, Genossenschaften übernahmen herrschaftliche Güter. Und auch das Lied, das das Signal zum Aufstand gab, „Grandola, Vila Morena“, ist nach einer Arbeiterstadt des Alentejo benannt.

Der revolutionäre Schwung ist vorbei, einmal mehr mußten sich die Menschen dem Schicksal fügen: Der Landadel, den es offiziell gar nicht mehr gibt, hat die Latifundien zurückbekommen, Hilfe aus EU-Strukturfonds kassiert und sich auf die neue Zeit eingestellt: In den zu luxuriösen Herbergen umgebauten Herrenhäusern finden Reisende Unterkunft und dürfen manchmal sogar mit dem Gutsherrn Tisch und Bibliothek teilen.

Auf dem Weg nach Monsaraz im südlichen Alentejo – weite Felder, der Horizont tritt zurück. Die in 300 m Höhe über dem Flußlauf des Guadiana angelegte mittelalterliche Stadt ist weitgehend erhalten geblieben. Sie wirkt wie eine Filmkulisse: fast zu schön, um wahr zu sein.

Hauptstadt, Zentrum und Juwel des Alentejo ist aber Évora, die „weiße“ und für viele schönste Stadt Portugals. Von weitem werden schon Wehrtürme, Kirchen und Herrenhäuser sichtbar. Landwirtschaft und Weinbau haben Évora einen gewissen Wohlstand bewahrt. Für den vergangenen Glanz stehen die Ruinen des römischen Dianatempels (200 v. C.) und die Kathedrale aus dem 12. Jh. Glänzende Pracht und Gold aus den Überseekolonien findet man in rauschendem Überfluß.

Inzwischen ist auch das Kloster der Loios-Mönche zur Pousada geworden, in der man zu Recht auf den gotischen Kreuzgang und die mönchisch-üppige Küche stolz ist: Hier bekommt man die reichlich gewürzte, dicke Brotsuppe oder die in Olivenöl zu Knoblauch gerösteten Brotkrumen mit „bacalao“ oder Kartoffeln.

Und wer nach all den schweren leiblichen Genüssen Besinnung und innere Einkehr sucht, findet sie in der schaurigen Knochenkapelle der Igreja San Francisco, deren Wände aus Schädeln und Gebeinen von 5000 Mönchen errichtet wurden. Ein Anblick allerdings, den man so schnell nicht vergißt. (DER STANDARD, Printausgabe, 2000)

Von Josef Manola
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