Die Stille des Alentejo

13. Mai 2005, 13:19
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Eine Region, die man erspüren muss.

In den Alentejo sollte man nach Möglichkeit außerhalb der Saison fahren, lieber die frischen Abende des beginnenden Frühjahrs oder des Spätherbstes in Kauf nehmen und in jedem Fall in den kleinen Orten übernachten. Wie in Marvao.

Nur so kann sich ein Gespür für die Stille dieser Region einstellen, in der die Mehrheit der Einwohner traditionell zu den ärmsten des Landes gehörte. Deshalb auch sind es so wenige, die - noch - hier geblieben sind. Von tausend Bewohnern schreibt der Reiseführer in dem direkt an der Grenze zu Spanien gelegenen Marvao. Nach Auskunft von Einheimischen sind es längst nur noch um die 250, und die leben fast ausschließlich vom Tourismus in dieser Region, die durch ihre Idylle besticht. Getreidefelder, Olivenhaine, Korkeichen - an die hundert Millionen dieser Bäume soll es hier geben -, malerische Dörfer, eine Stadt - Evora -, die von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt und seither mit entsprechender internationaler Unterstützung saniert wurde.

Es sieht wirklich so aus wie in den Reiseprospekten, zumal wenn die Sonne vom blitzblauen Himmel herunter auf die weißgetünchten Häuser scheint. Von der gemächlich bis schwermütigen Atmosphäre freilich vermitteln diese gegenüber Stimmungsnuancen indifferenten Hochglanzprodukte nichts, rein gar nichts.

Auch den Fremden kann nicht lange verborgen bleiben, daß der Alentejo sie mit einer Schönheit betört, die für die Einheimischen durch deren existentielle Umstände stark getrübt ist. Die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Portugiesen und Spaniern um Terrain sind damit allerdings nicht gemeint. Von dieser wehrbedürftigen Vergangenheit zeugen heute noch die vielen Burgen mit - wie etwa in Marvao - teils eindrucksvollen Zisternen. Von den Festungsruinen in Marvao aus bietet sich heute, sobald der Morgennebel einem sonnigen Tag gewichen ist, ein wunderbarer Blick in die Weiten der beiden Nachbarländer.

Doch darum geht es nicht. Der Grund dafür, warum so viele ihrem Alentejo - gesprochen gehört das mit einem lang gezogenen "e" vor einem ganz weichen "sch", "Alentehschu" - den Rücken kehren, liegt in den nicht eingelösten Hoffnungen der Nelkenrevolution von 1974. Großgrundbesitzern gehörte hier ein Großteil des Bodens vor 1974 - und gehört ihnen heute wieder. Die versuchte Umverteilung und Umwandlung in Kooperativen hat nicht gegriffen.

Um zu erfahren, was wirklich hier läuft, müßten wir länger bleiben. Aber wir sind Fremde, blicken auf die Außenseite von etwas, an dessen Inneres wir uns ein wenig über die Literatur herangetastet haben. Im Alentejo, dem, könnte man kurz sagen, vom Atlantik bis zur spanischen Grenze verlaufenden mittleren Drittel Portugals, sind einige Werke von Literaturnobelpreisträger José Samarago angesiedelt. Der, sei gleich hinzugefügt, aus den offensichtlichsten Gründen unter den Feministinnen seiner Heimat erbitterte Gegnerinnen hat. Aber da sind sie nun, diese Romane, die neben poetischen Betrachtungen über die scheinbare Unendlichkeit des Landes - ein Mensch, schreibt Samarago, kann "hier sein Leben lang gehen, ohne sich jemals zu finden, wenn er verloren auf die Welt kam" - einen Einblick geben in die Gesellschaft und ihre Strukturen und ihre Unterdrückungsmechanismen.

Wort- und Bildzitate aus diesen Texten stehen im Widerstreit mit dem, was sich den Augen von uns zwei Touristinnen bietet. Spuren aus Jahrtausenden sind das, von den Dolmen aus dem Megalithikum (vor allem in der Gegend um Monsaraz), von Römern (mächtige Aquädukte), Mauren und einer einst starken jüdischen Präsenz sowie dem Herrschaftshaus der Bragancas, dessen Könige Portugal bis zur Gründung der Republik 1910 regierten.

Deren düsteren Palast in Vila Vicosa zu besichtigen, erfordert allerdings ein gehörig Maß an Geduld, ergeht sich doch der - obligatorische - Führer in unglaublichem statistischen Detail. Aber sei's drum, hier wurde Geschichte geschrieben. Und die, die sie schrieben, waren Katholiken, die mancherorts auf der iberischen Halbinsel zu bizarrem Verwalten menschlicher Überreste neigten. Was tun, wenn der Friedhof übergeht, sollen sich die Mönche gefragt haben, die in einer Kapelle der Kirche Sao Francisco in Evora mit 5000 Schädeln und jeder Menge Knochen einfach Wände hochzogen und gleich noch ein Skelett dazu hängten. "Wir Knochen warten auf die euren", tut die Schrift über dem Eingang kund. Aber so jenseitslastig ist die Stimmung wirklich selten. Ein Schritt aus der Kirche, und der andere Alentejo hat uns wieder. (DER STANDARD, Printausgabe, 1999)

Von Brigitte Voykowitsch
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