Im Angesicht des Kolosses

13. Mai 2005, 13:19
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Mit Espresso, Süßem und der Tram entflieht man in Lissabon dem steinernen Jesus zumindest zeitweise.

Schwer lasten seine in Beton gegossenen Arme über der Cidade, der Großstadt Lissabon, an der weitverzweigten Mündung des Rio Tejo. Allgegenwärtig der Blick des Cristo Rei, des steinernen Jesus, der von Diktator Antonio de Oliveira Salazar in den sechziger Jahren dazu verdammt wurde, seine Arme wie Flügel über dem Nadelöhr des atlantischen Küstenstreifenlandes waagrecht zu halten. Wer sonst wäre würdig, Salazars "neuen Staat", den Estade Novo, zu beschützen, wenn nicht der Sohn Gottes höchstpersönlich?

Bei soviel Gottesfurcht treibt es unsereins die Gänsehaut über den Rücken und die Schwermut ins Herz. Da helfen selbst das hellblaue Wasser des Tejo-Deltas oder die gleißende Frühlingssonne, die Lissabon im Laufes des Vormittags in eine weiße Stadt verwandeln, nur wenig. Kein Wunder, daß die Hauptstadt-Portugiesen bei jeder abendlichen Gelegenheit ihre Stimme anheben, um mit dem Fado ihre Seele von der Schwermut zu befreien. Ob alt oder jung, der Sänger Töne in der kärglich eingerichteten Tasca haben arabischen Charakter; gespickt mit fremdländischen Harmonien. Gesungen wird von des Lebens Weisheit und Vergänglichkeit. Und von der Liebe. Dabei wird ein köstliches Mahl mit Saubohnen, Oliven und Käse, grüner Suppe sowie gegrilltem Fisch serviert. Wir genießen und schweigen, denn beim Fado darf kein Sterbenswort gesprochen werden. Die süße Nachspeise - die Portugiesen sind unbestreitbare Naschkatzen - stimmt wieder heiter, ehe wir in die laue Frühlingsnacht entfliehen. Wenigstens jetzt kann uns der monströse Christus nicht erspähen.

Am nächsten Morgen kommen die Tramway-Liebhaber auf ihre Rechnung. Das uralte Vehikel der Linie 28 bringt uns ächzend von der barock-klassizistischen Altstadt Baixa Pombalina durch die Uralt-Altstadt, die Alfama, auf den Berg zum Castelo de Sao Jorge. Von dort haben wir bei göttlich starkem Espresso, der Bica und köstlichen Pastéis da nata, einer Art Brandteigkrapfen mit frischer Vanille, den schönsten Blick über die weiße, erwachende Stadt. Verbeulte, rostige Autos und die Tram streiten sich bereits um den Platz. Meist behindern sie einander gegenseitig. Dann wird aufs unflätigste geschimpft und gestikuliert. Sieger bleibt immer die quietschende Straßenbahn. Da die Schienen an den engsten Stellen im Altstadt-Labyrinth einspurig verlegt sind, gibt es Zwangspausen zum Staunen und Bewundern.

Wenn schon nicht ob des Hieronymus-Klosters, dann zumindest wegen der köstlich-warmen, süßen Pastéis de Belém, jener seit 1837 stets nach derselben Art des Hauses hergestellten süßen Köstlichkeiten, sollte man den Weg in die Vorstadt Belém zurücklegen. Ein Abstecher in das geisterhafte Expo-Gelände lohnt ebenfalls: Das Unterwasser-Museum ist einzigartig. (DER STANDARD, Printausgabe 2001)

Von Luise Ungerboeck
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