Beautiful Losers im Aufwind

13. Mai 2005, 13:19
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Das Wehklagen als Lebenselixier verfolgt die Portugiesen. Und die stolze Einsamkeit des Landes war immer Ehrensache.

"Was für ein großer physischer Schnupfen. / Ich brauche Wahrheit, und ich brauche Aspirin", konstatierte der Portugiese Fernando Pessoa in den Zwanziger Jahren mit der Stimme seines Heteronyms Alvaro de Campos. Ver- und Zerfall stehen im Mittelpunkt des Werks dieses großen Pessimisten unter den Dichtern, der seinem Vaterland schonungslos Schmerzmittel in Überdosen verabreichte. Pessoa begnügte sich nie mit einer einzigen Identität - und darin ist er ein portugiesischer Archetyp.

Schon lange vor dem Auftreten des Herrn Karl entwickelte sich am anderen Ende Europas ein mieselsüchtiger Menschenschlag, der zwischen institutionalisierter Übellaune und depressiver Melancholie hin- und herpendelte. Und das war wohl auch in allen Zeitaltern der produktivste Ansatz für ein Volk von Poeten und Abenteurern. Da schwingt die vielbesungene Saudade mit, die traurige, tragische Sehnsucht, der grandiose Niedergang der Seele. Schon im Kindergarten wird den Kleinen eingebläut, die Essenz ihres Nationalgefühls sei auf keine andere Sprache der Welt übersetzbar. Das ist zwar überhaupt nicht der Fall, doch wurde die sakrale Saudade so was wie Unterrichtsgegenstand: das verlorene Weltreich, das Wehklagen als Lebenselixier.

Irgendetwas aus dieser Mischung muss Erika Pluhar - ja, es klingt kurios, aber bleiben wir bei der Wahrheit - irgendetwas muss Erika Pluhar fasziniert haben. Kaum betritt sie portugiesischen Boden, zieht es sie laut Presseberichten zunächst zum Cabo da Roca. Ein schwindelerregender Felsvorsprung an der Atlantikküste. Gelbbraunes Gestein, rötlicher Sandbruch, weit unten Schaumspitzen auf den asphaltgrauen Wellen. Von diesem zerklüfteten Ufer brach Vasco da Gama zu seiner Umrundung Afrikas auf. "Hier endet der Kontinent, hier beginnt das Meer", dichtete Camões im 16. Jahrhundert, und auf dem weißen Obelisken steht eingraviert: Cabo da Roca, westlichster Punkt des europäischen Festlandes. Ein paar Schritte dahinter befindet sich ein Kiosk. Und wer den Sturm besiegt (ein Wind bläst, als hätte die Stadtverwaltung hinter der nächsten Ecke einen Riesenfön aufgestellt), der kann sich dort einen Stempel holen. Bestätigung: hier gewesen.

Wenn die Portugiesen etwas ernst nehmen, dann kämpfen sie dafür. Zum Beispiel ist alles Ehrensache, was mit dem Meer zu tun hat. Eines Tages kamen ein paar Iren und sagten: Verdammt, der westlichste Zipfel Europas liegt doch in Irland. In Portugal beugte man sich über die Landkarte, und gleich darauf herrschte betretenes Schweigen. Bis man sich gegen die Stirn schlug. Madeira! Und die Azoren! Also antwortete man: Na gut, wenn all diese idiotischen Inseln mitzählen, dann befindet sich, bitte sehr, der westlichste Punkt nicht in Irland, sondern irgendwo auf den portugiesischen Azoren! Und damit alles seine Ordnung und Richtigkeit hatte, ließ man einen Stempel prägen.

So kommen wir auf eine andere, nicht zu unterschätzende Tatsache: Wir befinden uns im Weltzentrum der Bürokratie - Portugals Schreibstuben knirschen und knarren zehnmal ärger als jene in Musils Kakanien. Die ständestaatliche Rechtsdiktatur (1932 bis 1968 unter Salazar, bis 1974 unter Caetano) hinterlässt noch heute (kleiner Tipp für Masochisten: versuchen Sie bitte in der Nationalbibliothek ein Buch zu kopieren!) ihre Spuren - auch wenn der ehemalige "beautiful loser" Europas ein Vierteljahrhundert nach dem demokratischen Wandel ein Musterschüler der EU geworden ist. Der Bürokratie wird von staatlicher Seite mit einem alljährlichen Dia Nacional da Desburocratização - dem Nationaltag der Entbürokratisierung - halbherzig entgegengewirkt.

Im Hinterland des Cabo da Roca hängt eine langgestreckte Wolke über einem Hügelrücken: Sie bezeugt das Mikroklima der Serra da Sintra. Ein feuchter Zauberwald, dunkler Duft nach Harz, Lichtreflexe in allen Grünschattierungen. Am Rand der Straße nach Sintra wird Queijada verkauft, marmeladiges Käsegebäck, die Spezialität der Gegend. Selbst eingefleischte Lusitanisten wissen nicht so ganz genau, ob wirklich echter Käse drinnen ist. "Auf der Straße nach Sintra, gegen Mitternacht, im Mondschein, am Steuer", beschrieb Alvaro de Campos 1928 einen Ausflug im Chevrolet, "auf der Straße nach Sintra, ausgelaugt von der eigenen Phantasie. / Auf der Straße nach Sintra, immer näher zu Sintra. / Auf der Straße nach Sintra, immer ferner von mir."

Über der mittelalterlichen Altstadt mit ihrem grotesken Wahrzeichen - zwei gigantische Kamine in Form von umgekippten Schultüten - erhebt sich das Castelo dos Mouros, die ruinenzerfressene Araberburg, von deren wildbewachsenen Trümmerstufen man an klaren Tagen bis nach Lissabon hinübersieht. Mittendrin liegt die atemberaubendste Baukulisse Europas in der Landschaft: Auf der Strecke Sintra-Lissabon wurden in den letzten zwölf Jahren über hunderttausend neue Wohnungen geschaffen. Ehemals verschlafene Dörfer wie Amadora (heute 150.000 Einwohner) oder Queluz sind ins Gigantische gewachsen und kleben inzwischen wie bunte Eiterbeulen an der Hauptstadt mit ihren zwei Millionen im Einzugsgebiet.

Doch der wahre Moloch ist die Autolawine. "Wir haben im Straßenverkehr die höchste Pro-Kopf-Todesrate der EU", hört man, und in das Grauen mischt sich Stolz, "riskanter als wir fahren nur noch die Schimpansen." In Lissabon gelten die klapprigen Straßenbahnen - ein Wahrzeichen der Stadt - als Auslaufmodelle, die nur noch den Verkehr verstopfen. Der Autor und Talkmaster Rui Zink, dessen Roman Hotel Lusitano jederzeit als alternativer Reiseführer mit spannendem Krimi-Plot durchgehen könnte, ist fassungslos: "Das kann nicht gut gehen. Seit dem Ende der Salazar-Diktatur vor 25 Jahren hat sich jeder dritte Portugiese ein Auto angeschafft." Und der U-Bahn-Ausbau (jahrzehntelang formte sie ein echtes U, inzwischen hat sich der Kreis geschlossen) wurde vor allem von der ästhetischen Seite her ambitioniert vorangetrieben - wodurch die Lissaboner (Alfacinhas werden sie genannt: Salatköpfe) heute das prächtigste Metro-Netz Europas besitzen. Aufgrund absurd langer Binnenwege haben sie auch die Gelegenheit, sich ausgiebig daran zu erfreuen.

An der Station Saldanha im Norden der Stadt, neben dem McDonald's, in dessen burgergelbem Atrium die Kids ihre Inlineskates wetzen, geht es urban zu: Hier befindet sich das Galeto, die längste Theke der Stadt. Eigentlich besteht das Lokal überhaupt nur aus Tresen. Rauch liegt in Schwaden unter der niedrigen Decke, und Sprachfetzen (für ungeübte Ohren eine Mischung aus Italienisch und Russisch) wirbeln durch den Raum. Journalisten nehmen hier nach der Arbeit einen Imbiss zu sich, Liebespaare beschließen ihren Kinoabend bei einem Glas Bier. Die livrierten Kellner jonglieren ihren Kunden Bacalhau (der eingesalzene Nationalfisch muss wegen des hohen Bedarfs mittlerweile aus Norwegen importiert werden), eine Bifana (die lusitanische Spielart des Hamburgers) oder süßes, überzimtetes Pasteis de nata zu. Die Männer trinken Sagres oder Superbock, die Frauen Amêndoa-amarga. Erika Pluhar würde das sicher gefallen, aber keine Chance: weit und breit nur Einheimische. Der Lautsprecher sondert Britpop ab. Fado hört man keinen.

Dass die portugiesische Spielart des Wienerliedes, eben der Fado, etymologisch mit "fad" verwandt sei, behaupten nur böse Zungen. Denen man es kaum verübeln kann, denkt man an die Touristenhöllen im Vergnügungsviertel Bairro Alto. Der Welterfolg der Pariser Exilportugiesin Amália Rodrigues und der Kapverdianerin Cesária Évora haben die Tür aufgestoßen zu einem Fado-Boom weit über die Grenzen hinaus. Der mainstreamige Exportartikel Madredeus best-sellt auch am deutschsprachigen Markt, besonders seit dem Auftritt bei Wim Wenders' überflüssigem Lissabon-Film Lisbon Story (ein deutsches Missverständnis mit virtuoser Kameraführung). All das hat den Fado verbreitet und gemeuchelt. Doch gerade im Bairro Alto kann es immer noch passieren, dass man in einer alten Spelunke zu später Stunde Zeuge einer nicht-touristischen Originalvorführung wird: Der Chef holt die Gitarre, die schmuddelige Dame vom Nebentisch erhebt ihre schwermütige Stimme zu einem Cheira bem, cheira à Lisboa - es riecht gut, es riecht nach Lissabon. Während draußen die Motoren aufheulen und im Tejo-Delta die Wellen ölig an die alten Steinmauern klatschen.

Der Tejo, oder besser die Mündung des Flusses, der tausend Kilometer östlich bei Toledo noch ein spanisches Rinnsal unter dem Namen Tajo gewesen ist, liegt wie eine glatte Eislauffläche in der dunkelgrauen Morgendämmerung. Von den Einheimischen wird die stadtverschmutzte Bucht Mar de Palha (Strohmeer) oder Rio da Merda genannt - düster erheben sich am anderen Ufer die Stahlgerüste der Werft. Ab vier Uhr früh beginnt der Berufsverkehr. Zweihunderttausend Pendler überqueren den Tejo täglich, sei es per Schiff, sei es über die Ponte 25 de Abril (benannt nach dem Jahrestag der Revolution, ehemals Ponte Salazar) - oder neuerdings über die so genannte Vasco da Gama, die pünktlich zur EXPO 98 eröffnete (längste) Brücke (Europas). Ein paar Meter über dem - an dieser Stelle bereits salzigen - Flussspiegel liegt eine flache Betonbahn, die auf der anderen Seite über Montijo und Pinhal Novo weiterführt nach Setúbal, zur gastfreundlichen Kleinmetropole am Meerbusen des Sado.

Hier, im Einzugsgebiet des Alentejo, ist die Sprachfärbung noch immer urban, aber schulterklopfender als in der Hauptstadt. Dazu gehört auch ein Schuss Schicksalsgläubigkeit: As vezes nunca se sabe - manchmal weiß man nie, ist das Motto. Auf der Avenida Luísa Todi, der Wasserfront, reihen sich Fisch- und Ausgehlokale. Wenn man Glück hat, steht Dobrada auf der Speisekarte, ein alentejanischer Eintopf aus Kutteln, dessen richtige Temperierung seit Alvaro de Campos besonders bedeutsam ist, der in einem Lokal Liebe bestellte und Kutteln bekam: "Aber, wenn ich schon Liebe bestellte, warum brachte man mir / Dobrada à la Porto in kaltem Zustand? / Sie gehört nicht zu den Speisen, die man kalt genießen kann. / Doch man brachte sie mir kalt. / Ich beschwerte mich nicht, aber sie war kalt. / Man kann die Dobrada niemals kalt essen, aber kalt kam sie."

Im Sommer schwimmen die Golfinhos (Delphine) neben den vollbepackten Schiffen her, die Einheimische und Urlauber an den Strand von Troia (der letzten Sandzunge) bringen. Von hier aus erstreckt sich ohne Unterbrechung eine fast endlose Sandküste bis in den Süden, in die Algarve. Gegen Norden hin erhebt sich eine Hügelkette, die fast unberührte Serra da Arrâbida mit ihren Aussichtspunkten und Klösterwegen. Die Formen sind weniger schroff als beim Cabo da Roca, hier ist Portugal ein samtweicher Sommertraum geworden, und die Blicke dringen tief ein in den schmerzhaft klaren Horizont. Vom Blickwinkel Setúbal her überrascht es nicht, dass Nobelpreisträger José Saramago Portugal einmal als Insel beschrieben hat, die sich vom Festland löst und in den Atlantik hinaustreibt. Orgulhosamente sós - die stolze Einsamkeit - war ein Leitspruch während der Diktatur. Seit Europa die Arme geöffnet hat, ist alles anders geworden. Die Träume, die Álvaro de Campos noch in sich wähnte ("Ich bin nichts. / Nie werde ich etwas sein. / Ich kann nicht einmal etwas sein wollen. / Abgesehen davon, trage ich alle Träume der Welt in mir."), sind dabei, der Verwirklichung zugeführt zu werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 2000)

Von Martin Amanshauser
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