Schlesien im Zwiespalt

1. Juli 2005, 13:41
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Die Wiederentdeckung eines Nachbarn.

Schlesien, das in seiner wechselvollen Geschichte sogar einmal zum Habsburgerreich gehörte, klingt als Reiseziel für die meisten Österreicher wenig verlockend. Zu Unrecht, wie man bereits bei einem Kurzaufenthalt feststellen kann. An der Entfernung kann es nicht liegen, denn Breslau, die Hauptstadt Niederschlesiens und viertgrößte Stadt Polens, ist nur 360 km von Wien entfernt. Mit dem Flugzeug ein Katzensprung – da dauert’s nur eine Dreiviertelstunde bis zur Landung. Mit dem Auto braucht auch der geübte Fahrer gut seine fünf Stunden, dafür sorgen Straßenzustand und -breite.

Die Schäden, die der zweite Weltkrieg in Breslau, das heute 700.000 Einwohner zählt, angerichtet hat, sind nicht mehr sichtbar. Fast alle historischen Bauten wurden rekonstruiert; die ältesten erhalten gebliebenen Sehenswürdigkeiten stammen noch aus dem 12. und 13.Jh. Alles strahlt in frischem Glanz – das Rathaus auf dem Altstadtmarkt ebenso wie die umgebenden Ensembles. Direkt am Oderufer, im Norden der Altstadt, liegen die Gebäude der Universität. Die Leopoldina-Aula im Inneren zählt zu den schönsten Barocksälen Polens. Zu großen Schäden kam es allerdings im Juni des Vorjahres, als sich das Hochwasser der Oder bis ins Stadtzentrum ausbreitete.

Das Herz jedes Kunstfreundes schlägt höher, wenn er bei einem Bummel durch die Altstadt der unzähligen Galerien mit Skulpturen und Gemälden aller Stilrichtungen und Preisklassen ansichtig wird. Auffallend ist auch, daß nach der Ostöffnung die polnischen Restaurants viel Konkurrenz bekommen haben – internationale Fastfoodketten wie Mc Donald’s und Pizza Hut, Irish Pubs und Chinarestaurants buhlen ebenfalls um Gäste.

Südwestlich von Breslau, in Schweidnitz (Swidnica), befindet sich ein Baudenkmal, das wie der Reiseführer treffend bemerkt „selbst Kunstmuffel aufblicken läßt“: die protestantische Friedens- oder Dreifaltigkeitskirche aus dem 17. Jh. Der Gegensatz zwischen dem unauffälligen Fachwerkbau außen und der Pracht im Inneren ist gewaltig. Der Grund: Laut Verordnung der erzkatholischen Habsburger Monarchie durfte beim Bau protestantischer Kirchen nur Holz, Lehm, Sand und Stroh verwendet werden. Das galt aber nicht fürs Interieur. Daher erstrahlen Altar, Kanzel und Orgel in glänzendem Gold, und die Malerei auf der Holzdecke fügt sich ins Gesamtbild. Derzeit wird das Kircheninnere, das 5000 Personen Platz bietet, mit deutscher Unterstützung renoviert.

Zum Übernachten in Polen bieten sich Privatpensionen, Hotels – zum Teil noch mit kommunistischem Flair – oder Luxusherbergen an. Eine davon, Schloß Kraskow, pflegt die österreichisch-polnische Freundschaft als Bindeglied zwischen den beiden Ländern. Und die Eigentümer des angeblich nach Plänen von Fischer von Erlach erbauten und vor einigen Jahren renovierten Barockschlosses haben große Pläne: Weil es in Polen nur drei Golfplätze gibt, soll hier bald ein 18-Loch-Platz entstehen wie auch ein Tennisplatz und ein Wellnesszentrum. (Der Standard, Printausgabe)

Von Anna Reichhardt
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