Alte Männer und Gitarren: Velvet Revolver

15. Juni 2004, 12:04
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Stammesmusik mit Stomgitarren: Über "Contraband", das neue Album der Guns'N'Roses- Nachfolge-Band

Wir schreiben das Jahr 2024: In einem Partykeller in Los Angeles ist der Anthropologie jetzt mit der Band "Velvet Revolver" ein sensationeller Fund zum Thema historische dekadente Musik gelungen.


Los Angeles im Frühjahr 2024 - Einen sensationellen Fund haben jetzt Anthropologen in Beverly Hills, einem Stadtteil der einstigen kalifornischen Metropole Los Angeles gemacht. In einer für diese Gegend typischen Villa aus dem späten 20. Jahrhundert wurde dank zahlreicher sachdienlicher Hinweise diverser lokaler Drogen- und Pizzadealer in einem Partykeller eine fünfköpfige Band gefunden, die sich dort jahrzehntelang aus Angst vor einer in Amerika Anfang der 90er-Jahre des vergangenen Jahrtausends aufkommenden Bürgerrechtsbewegung gegen Alkohol, Nikotin, Drogen und Pornographie verbarrikadiert hatte. Wie ein Sprecher des vom Jimi-Hendrix-Institut für Luftgitarrenforschung an der Universität von Seattle kommenden wissenschaftlichen Teams in einer Pressekonferenz mitteilte, kann man derzeit zwar noch keine genaueren Angaben über das Wohlergehen der fünf Musiker machen. Die Gruppe vermittelt derzeit einen etwas desolaten und verwirrten Eindruck. Sie kann sich mit den Forschern nur über unbekannte, offensichtlich zu einem untergegangenen Stammesdialekt gehörende Begriffe wie "Suck" und "Fuck" und gemeinsam gelallte rituelle Chöre ausdrücken. Genauere Befragungen über ihr Schicksal würden also erst möglich sein, wenn die verwahrlosten Männer um die 70, die wegen defekter Wasserleitungen im Keller jahrelang von dortigen Whiskey-Beständen und Party-Snacks leben mussten, halbwegs ausgenüchtert seien.

Wie ein Reporter der renommierten Zeitung USA Today von einer anonym bleiben wollenden Krankenschwester der die Musiker jetzt behandelnden Betty Ford Klinik in Erfahrung bringen konnte, sei es nicht nur schwierig, die Patienten dazu zu bewegen, ihre jahrelang nicht gewechselte Lederbekleidung abzulegen. Bei den als Slash, Duff McKagan und Matt Sorum identifizierten Mitgliedern der bis 1993 weltweit berüchtigten und damals plötzlich von der Bildfläche verschwundenen Hardrock-Band Guns N'Roses, in deren Gefolge zudem ein Schlagzeuger namens Dave Kushner und der von der Edel-Grunge-Kapelle Stone Temple Pilots bekannte Sänger Scott Weiland gefunden wurden, treten noch weitere Probleme auf. Die Krankenschwester laut USA Today: "Mein Gott, wer soll den armen Jungs bloß schonend beibringen, dass sie dort unten über 30 Jahre gesessen sind?! Sie glauben, dass die Polizei den Keller gestürmt hat, weil sie im Rahmen einer längeren Geburtstagsparty zu laut Musik spielten."

Abgesehen von der Möglichkeit, sicher schon bald Menschen wissenschaftlich zu einer Zeit im 20. Jahrhundert befragen zu können, die die meisten nur mehr von nostalgischen CD-Sendungen im Internet oder Erzählungen ihrer Großeltern kennen, dürfte neben Funden von heute kaum noch vorstellbaren und noch nicht näher spezifizierten Getränken, die luftdicht in Metalldosen abgefüllt wurden, längst verbotenem, so genanntem "Junk Food" und heute vergessenen Musikinstrumenten wie manuell betriebenen Stromgitarren vor allem eines interessant sein. Es wurden auch Tonbänder sichergestellt, auf denen rhythmisch strukturierte und infernalisch laute Stammesmusik zu hören ist. Eine Botschaft aus einer längst vergangenen Zeit. 2024, das Abenteuer Menschheit geht weiter. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.6.2004)

Von
Christian Schachinger

Velvet Revolver
Contraband
(RCA/BMG Ariola)
  • Velvet Revolver
    foto: bmg

    Velvet Revolver

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