Die Lady im Fenchel

10. Mai 2005, 13:12
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Viel schöner kann man nicht wohnen. Auf einem Felsen in Funchal, das auf Deutsch Fenchel heißt, mit Blick hinüber nach Brasilien

Das Reid's Palace lümmelt nicht auf Barhockern herum, es thront wie eine jener alterslos schönen britischen Ladys, die heute wie eh und je zum Afternoon-Tea bitten, entspannt und mit dem distinguiert wissenden Lächeln jener, die viel gesehen, manches erlebt und nichts verplaudert haben. Der Hocker ist ein Felsen in Funchal, das Wasser des Atlantiks umspült die Füße der feinen Dame, ihren Kopf hält sie in den Schatten eines Parks, dessen Gärten nicht, wie der Dichter sagt, überm Gestein in dämmernden Lauben verwildern, sondern britisch gepflegt gleichermaßen zu Auslauf und Verweilen animieren. Prosaisch gesprochen ist das Reid's Palace das perfekte Hotel an einem der schönsten Plätze der Welt.

Vor mehr als hundert Jahren hat ein brustschwacher schottischer Bäcker, den das Klima nach Madeira gelockt hatte, sein damals gerade 27 Zimmer umfassendes Hotel eröffnet, in dem sich künftig der britische Hochadel samt weiterer Verwandtschaft und engerer Bekanntschaft die Klinke in die Hand geben sollte. Natürlich schaute auch die notorisch rastlose Sisi bei ihren Besuchen hier vorbei, und nach ihr riss der Strom der Schönen und Berühmten nicht mehr ab. George Bernhard Shaw urlaubte im Reid's und hinterließ ihm außer einem Foto, das ihn im flattrigen Schwimmanzug zeigt, die Bemerkung, hier die einzige ernstzunehmende Lektion genossen zu haben, die er je von einem Mann bekommen hätte - den hauseigenen Tanzunterricht.

Winston Churchill tanzte nicht, wie die Bilder beweisen, sondern suchte die sein Asthma allzu lindernde Wirkung der milden Atlantikluft mit intensivem Zigarrenkonsum auszugleichen. Aus den Salons drang gedämpftes Gelächter an den Pool, an dem weiß livrierte Kellner Champagner servierten, aus dem Billardsalon hörte man das helle Klack-Klack der aneinander stoßenden Elfenbeinkugeln und im Bridgezimmer die gemurmelten Ansagen der Spieler.

Das ist heute noch genauso, und deshalb ist das Reid's ein wunderbarer Anachronismus, der mittlerweile zu mehreren Etagen, 130 Zimmern und 34 Suiten ausgebaut wurde. Vier Restaurants im Haus, eines, das "Villa Cipriani" (ja, genau, das aus Venedig - gehört wie das Reid's zur Orient Express Gruppe) gleich daneben sorgen dafür, dass es so bleibt: zum Dinner diskrete Lifemusik, um das Verdauungstänzchen passend zu begleiten, an der Bar und den Pools aufmerksamste Bewirtung, und das alles ganz lässig, ganz leicht, ganz ohne Lärm. Von einer Gästin wird erzählt, die sich Mittags am Pool nur einen krachenden Biss in den Apfel erlaubte und das Obst sofort erschrocken wegräumte, um dem Kreuzfeuer ringsum stumm empörter Blicke zu entgehen.

Wie jeder echte Anachronismus ist auch dieser gefährdet, und das weiß auch Bruno Brunner, der Manager des Hotels. Seit Februar führt er das Haus, seit seinem 18. Lebensjahr ist der Mittfünfziger im Geschäft, und zwar stets an den besten Adressen: im Island Shangri-La in Hongkong, im The Regent Singapore, im St. Regis in Los Angeles. Nun steht er vor der delikaten Aufgabe, jüngeres Publikum für sein Haus auf dem Fenchelfelsen zu akquirieren. Ein neues Restaurant, der Ausbau des Wellness- und Fitnessbereiches im Haus plus Kinderbetreuung rund um die Uhr sind geplant. Draußen im Hof kann ja wirklich nichts verbessert werden.

Aber prinzipiell muss man sich keine Sorgen machen, dass Remmi und Demmi das Reid's Palace und die Insel überlaufen. Madeira, die Holzinsel, eignet sich grundsätzlich nicht für den Holzkopftourismus à la Ballermann. Drei Golfplätze, zwei mit je 18, einer mit 36 Löchern, kleine, feine Strände in den steilen Buchten und die verschlungenen, Levadas genannten Wanderpfade, die von den Tälern auf die Höhen der bis zu 1900 Meter emporragenden Berge der Insel führen, nehmen von vornherein das allzu flott angetragene Tempo aus jeder Bewegungsart heraus.

Die Botanik der Insel ist eine Sammlung der Grüße aus allen tropischen und subtropischen Weltgegenden, die Portugals Seefahrer hier ausgestreut haben. Irgendeine der zahllosen Strelitzien, Orchideen, Tamarisken, Glyzinien und weiß der Linné, wie sie alle heißen und zu welcher Art sie gehören, blüht immer. Im alten botanischen Garten - dem, den übrigens der Erbauer des Reid's Palace errichtet hat - ist es zur Zeit der Kapok-Baum, dessen Blüten die alten Madeiraner in die Polster und Tuchenten stopften. Sie müssen weich gelegen sein, denn die baumwollartigen Quasteln geben auch in natura ein präch- tiges Nestgehege für faule Vögel aller Art ab.

Einige davon kann man in Reid's Garten beobachten, der eine zum Verbleib anregende Sehenswürdigkeit für sich ist. Pfauen laufen hupend durch die Gegend, in den Volieren randalieren Papageien, und regelmäßig tritt ein weißer Pfau auf, ein echter Schmierenkomödiant: Kaum fühlt er sich etwas länger beobachtet, erklimmt er eine der kleinen, gemauerten Aussichtsterrassen, um seinen weißen Fächer aufzuschlagen - über sich den grünen Blätterhimmel, unter sich das blaue Meer. Dann faltet er wieder zusammen, sammelt beim beeindruckten Publikum das Kleingeld ab und geht auf ein, zwei Gläschen süßen Madeiraweins in die Bar nebenan. Ungelogen. (Samo Kobenter/Der Standard/rondo/11/6/2004)

  • Das Reid's Palace
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    Das Reid's Palace

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