Backboard ist links

13. Mai 2005, 14:04
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Auf dem Hausboot durch die unzähligen Kanäle Frieslands.

Das Boot fuhr durch die Wiese. Am linken Ufer des Kanals stand ein Reiher, rechts grasten schwarz-weiß gefleckte Rinder. Ruhe kehrte ein, die Aufregung der ersten Stunden hatte sich gelegt. Wir benahmen uns wie Novizen mit all ihren Verlegenheiten. Jeder kramte im Fundus seines nautischen Wissens und förderte Erstaunliches zutage. Backbord ist links, sagte einer. Ist das ein Anker? fragte ein anderer und zeigte auf den Anker. Hißt die Segel, rief jemand und lachte, weil wir uns auf einem Motorboot befanden.

Im übrigen standen wir blöd herum, immer ein bißchen im Weg, wenn der Kapitän von Leine zu Leine lief. Und plötzlich legten wir ab. Die Landmannschaft winkte fröhlich, der Skipper hieß uns die Fender einholen, und wir wußten nicht, was Fender sind – also machte er es selbst.

Kapitän Jan drehte sich eine Zigarette, brummte kleine Anweisungen und ließ den Steuermann sonst weitgehend gewähren. Man fährt die Kanäle entlang wie auf Straßen, in gemächlichem Tempo, und wenn einer aus Neugier den Gashebel nach vorne drückte, um zu sehen, was das Ding hergab, dann kam die Hand des Skippers drosselnd von hinten und ein wenig Vorwurf lag darin, denn man hetzt nicht durch Friesland, man fährt geruhsam und nach Vorschrift 12 bis 15 km/h. Man muß ja keine Wellen schlagen, die andere Boote zum Tanzen bringen oder die Uferbefestigungen strapazieren.

Nur keine Wellen Und wozu auch Eile. Das Land tut sich auf vor deinen Augen, flach bis an den Horizont, mit mächtigen alten Bauernhöfen, Äckern, sumpfigen Weiden mit Knüppelweiden und Schilf, ab und zu schiebt sich eine Windmühle ins Panorama oder die Silhouette eines Dorfes. Wolken fächern den Himmel, ständig wechselnd in den raschen Gezeiten des friesischen Wetters, werfen Schatten auf die Wiesen, ein Licht wie durch Glas, das nur an den Tagesrändern scharf zeichnet und strahlend wird. Es gibt nicht die Welt zu sehen da oben im nördlichen Holland, aber das Wenige wird bedeutsam im stillen Frieden abgelegener Wasserwege. In den Naturschutzgebieten steuert das Schiff durch schmale Kanäle, Bäume und Sträucher rücken in Griffweite an die Reling, Entenfamilien, Haubentaucher und Wildgänse paddeln ohne Panik ins Schilf, ein Fischer hebt grüßend die Hand.

Nach und nach kamen die Leute von ihren Aussichtspositionen an Deck unter das Zelt am Steuerstand zusammen, Bierdosen zischten, und der Skipper lehrte das Einmaleins des Kartenlesens, die Verhaltensregeln für die Durchfahrt unter Brücken, sprach über Echolot und Steuerung und ließ die paar wichtigen Manöver üben. Er wird von Bord gehen, nachdem er uns mit dem Schiff vertraut gemacht hat, und uns den 1200 km Wasserwegen überlassen, die das Kanalnetz und die zahllosen Seen den Urlaubskapitänen zur Verfügung stellen.

Das sanfte Wiegen des Bootes schlich sich ins Unterbewußtsein, und nach einigen Tagen hob und senkte sich scheinbar das feste Land, schwankten auch die friesischen Gasthäuser, noch bevor die Genevergläser klirrten zum „Prost“ aus rauhen Seemannskehlen.

Da wir schon beim Thema sind: Befindet man sich in der Nähe von Sneek, dem kleinen Städtchen aus dichtgedrängten Backsteinhäusern, dann sollte man die Brennerei „Witwe Joustra“ anlaufen, die den „Beerenburg“ erzeugt, einen Kräutergenever nach uraltem Geheimrezept. Serviert im „flûgeltsje“, einem Glas ohne Fuß, denn der Holländer stellt nicht gerne ab, was er liebt, und wenn man schon einmal da ist, tut man’s den Gastgebern gleich, wobei meine Großmutter mit Recht meint, daß man nicht jeden Blödsinn nachmachen sollte.

Das Boot schwankte und zog an den Tauen. Die Friesen nennen das Schippern über Seen und Kanäle in ungeheurem Euphemismus „Wassersport“. Tatsächlich handelt es sich um eine sehr gemütliche Disziplin, die weder Kondition noch besondere motorische Fähigkeiten erfordert. Einschätzungsvermögen für Entfernungen und Geschwindigkeiten ist allerdings von Vorteil, denn man ist ja nicht allein auf dem Wasser, und nicht jeder weiß immer ganz genau, was zu tun ist. Dann schnarren die Bugschrauben, Rufe gellen über die Wasser, hektische Aktivitäten beleben die Decks, und die Mannschaften haben alle Hände voll zu tun, sich von feindlichen Bootsrümpfen abzustoßen. So lernt man einander kennen.

Auch Brücken fördern diese Art von Kontaktaufnahmen, denn eigenartigerweise sind die meisten so konstruiert, daß man mit dem Boot nicht durchfahren kann: schlicht zu niedrig. Also haben sie einen Öffnungsmechanismus, der bei kleineren Exemplaren von einem Brückenwart bedient wird. Außer er ist auf Mittagspause. Sonst öffnet er, sobald er Ihr Boot gesichtet hat, hält eine Angelrute aus dem Häuschen, an der ein Holzschuh baumelt, und hebt damit während der Passage Zweiguldenfünfzig an Brückenzoll ein. Dabei kann es vorkommen, daß Anfänger zu umständlich nach den Münzen kramen, den Holzschuh länger, als gut ist, festhalten. Solche Szenen erheitern, und daher findet sich an vielbefahrenen Stellen immer eine Gruppe alter Friesländer ein mit Seemannskappen am Kopf und Pfeifen im Gesicht. Sie lehnen sich ans Brückengeländer und folgen dem bunten Treiben da unten wie einem Freilufttheater oder Laienspiel. Manche Brücken öffnen auch nur automatisch und nach Zeitplan, was ein hübsches Gedränge von wartenden Booten erzeugt, die ihre Positionen durch präzises Manövrieren halten müssen. An windreichen Tagen sind diese Vorstellungen ausverkauft.

Natürlich wurde das Kanalnetz nicht für moderne Freizeitkapitäne angelegt. Die Wasserstraßen dienten dem Transport von Mensch und Gut, Torf wurde in die Städte gebracht, Getreide zu den Mühlen, Kuhmist auf die Tulpenfelder, Muscheln und Fisch vom Meer ins Land.

Kings der Kanäle Stand der Wind günstig, blies er also in Richtung Ziel, dann kamen die „skutsjes“ – Flachbodenschiffe mit Klappschwertern an beiden Seiten des Rumpfes – herrlich über die Kanäle, mit weit geöffneten auberginefarbenen Gaffelsegeln. Bei Gegenwind oder Flaute gingen die Schiffer ins Joch und zogen den Kahn. Heute werden die Skutsjes wie Antiquitäten gepflegt.

Daneben sah unser Hausboot, auf das wir stolz waren, weil es einer schneeweißen Yacht glich, klein und bescheiden aus. Wir dachten, wir wären die „Kings der Kanäle“ mit einer Rumpflänge von rund 14m und genug Platz für sechs Personen, und dann kommt so ein Prachtkahn daher, dem wir nicht das Wasser reichen konnten. 14m sind übrigens das Maximum für führerscheinfreies Fahren, und man kommt damit sehr schön über die Runden. Schippert geradewegs durch die Dörfer, legt an, wo’s einem gefällt, spaziert durch die katzenbuckelgepflasterten Gassen und guckt durch die Fenster in die Bürgerstuben. Im Sommer springt man in den Kanal oder in einen See, radelt übers flache Land und kommt so braun heim wie vom Mittelmeer.

Auch der Norden Europas hat Sommer und Sonne und badewarmes Wasser. Die Menschen sitzen vor ihren Häusern, tafeln auf Terrassen und trinken französischen Wein. Am Morgen kann es sein, daß man von leisem Klopfen geweckt wird: Eine Ente pickt mit dem Schnabel gegen die Scheibe und will, daß Sie Frühstück machen. (Der Standard, Printausgabe)

Von Andreas Hochstöger
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