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24. Mai 2005, 14:53
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Die Schweiz der ehemaligen Sowjetunion: Malerisches rund um die Jugendstilmetropole Riga.

An die bösen Bubenstreiche des schlimmen Michel von Lönneberga erinnert die Blockhütten-Menagerie des Rauschebarts. Doch es ist nicht Schwedens Smaland, sondern das Ethnographische Freilichtmuseum am Stadtrand von Riga, wo der lettische Staatsangestellte mit souveränen Handbewegungen Holzmännchen aus einem Stück Lindenholz schnitzt. Besonders begeistert blicken ihm dabei Exil-Letten aus Boston und Kanada auf die Finger, und wenig später, beim Dreschplatz vor der strohgedeckten Tenne, drehen sich Dad and Mum zum Ringelreih-Tänzchen hurtig im Kreise. Die gestärkten Leinenhäubchen, grau-weiß gestreiften Schürzen und Knickerbocker-Hosen der kostümierten Musiker, die dazu auf traditionellen Instrumenten Takt und Melodie angeben, machen den Brückenschlag zwischen Mutterns Lettland und der neuen Heimat jenseits des Atlantiks ohnehin einfach.

Wie Kulissen eines Pionier-Melodrams sehen die rund um Rigas Jugla-See auf 100 Hektar Waldfläche verstreuten, historisch-ländlichen Bauten des Freilichtmuseums aus: Bauernhöfe mit Flechtzäunen und wuchernden Schafgarben, knatternde Windmühlen, Fuhrwerke vor primitiven Holzställen und aufgestelzte Fischerkaten zeigen, wie die einstige "Schweiz der Sowjetunion" kleinbäuerliches Kulturerbe pflegt. Auch im langgestreckten Gästehaus lässt sich auf groben Holztischen der ländlich-lettische Geschmack genießen. Schwerer als das kräftig-deftige Aroma gehen einem dabei freilich die Namen der Gerichte über die Zunge: "Veltnisiar burkaniem" für Schweinsroulade mit Karottenfüllung etwa, oder "Peleki Zirni" für sensationell mundende graue Erbsensuppe mit getrocknetem Schinken.

Das Land ringsum hält, was solch rustikale Aromen versprechen. Denn auch jenseits der hanseatisch beeinflussten, baltischen Jugendstil-Metropole Riga lohnt ein Besuch des welligen, zu 40 Prozent mit Kiefern und Fichten bewaldeten und mit zahlreichen Seen und sumpfigen Niederungen bestückten Baltikum-Fleckens, der sich heute, wie auch in den Jahrhunderten zuvor, nach Skandinavien und Deutschland hin orientiert. Beispiel Sigulda, 53 Kilometer östlich von Riga: Märchenhaft ragt hier der 42 Meter hohe Rundturm des frühmittelalterlichen Schlosses Turaide aus den Auwäldern des 920 Quadratkilometer großen Gauja National Parks auf, dessen einsame Flussschlingen und hellsandige Flussuferbuchten auch von lokalen Kanutenund zivilisationsmüden Lagerfeuer-Romantikern geschätzt werden.

Turaide, die pittoreske rosafarbene Ziegelsteinburg des Bischofs stammt aus dem Jahre 1214, und zur gleichen Zeit entstand am anderen Ufer des gemächlichen Gauja-Flusses auch noch die Ritterorden-Burg von Sigulda. Bizarre Ruinen erinnern heute an deren einstige Größe, während benachbarte Attraktionen den Besuch der Gauja-Ufer abrunden: der lauschige Skulpturen-Garten eines lokalen Künstlers, traditionelle Holzkirchen und Lettlands größte Sandsteinhöhle (Gutman-Höhle) mit bis auf das 16. Jhdt. zurückreichenden Gravuren liegen lediglich einige Schritte entfernt. Sanftes und üppig grünes Hügelland mit schwarz-weiß gefleckten Kühen, ursprünglich gebliebene Dorfweiher oder ein kürzlich im Sumpfland entdecktes, von Schilf umrahmtes und sorgfältig rekonstruiertes Pfahlbaudorf der alten lettgallischen Zivilisation liegen auf dem Weg von Sigulda zur traditionsreichen Stadt Cesis.

Neben einer eigenen Brauerei und mittelalterlichem Straßenbild lohnen hier auch die Ruinen und Parkanlagen des ehemaligen Ritterorden-Hauptquartiers. Statt der militanten frühmittelalterlichen Herrscher gastieren nun Oper, Ballett und Schauspiel in Cesis' Burgruine. Lettlands "Antwort" auf Versailles befindet sich 77 Kilometer südlich von Riga: Das Barockschloß Rundale wurde zwischen 1736 und 1767 vom Architekten der Eremitage St. Petersburg für den Herzog von Kurland gebaut. Volksnäher gab und gibt sich da Lettlands alte und neue Vergnügungsmeile: Das nur sieben Kilometer westlich von Riga gelegene traditionelle Strandbad Jurmala lockt mit weißen Sanddünen, steifer Meeresbrise, blassblauem Nordhimmel und phantastischer Holzhausarchitektur. Skandinavien lässt grüßen angesichts der verglasten Veranden und liebevoll geschnitzten Dachgiebelchen, die sich in Jurmala zu Lettlands schönster Promenade addieren. Und zur Kulisse dröhnender Lustbarkeiten. Denn wenn Jurmalas Ferienstimmung allabendlich in exzessives Feiern umschlägt, haben dabei nicht selten auch die 34 Prozent "russischen" Letten das Wort. Und das ist eine Sehenswürdigkeit für sich.

© DER STANDARD, 10. September 1999 Automatically processed by COMLAB NewsBench

von Robert Haidinger
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