Neuer Wirbel um 260-Millionen-Lücke

16. Juni 2004, 14:21
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Vorstand spricht von "Risikopotenzial­beschreibung", kein Kommentar zu möglichen Verlusten - Gewerkschaft wirft ÖIAG-Vorstand und Post-Chef kreditschädigendes Verhalten vor

Wien - Bei der Österreichischen Post AG ist ein heftiger Streit um die Ergebnisvorschau für die nächsten Jahre entbrannt. ÖIAG-Vorstand und oberster Post-Eigentümervertreter Peter Michaelis hatte vor einiger Zeit im Parlament vor einer drohenden Ergebnislücke von 260 Mio. Euro bis 2007 gewarnt - "eine Risikopotenzialbeschreibung", wie die Post selbst am Dienstag erläuterte. Ob dem Unternehmen jetzt im "worst case" Verluste drohen, wollte ein Sprecher auf APA-Anfrage nicht kommentieren.

"Kreditschädigend"

Die Postgewerkschaft ist deshalb auf den Barrikaden. Sie wirft dem ÖIAG-Vorstand ebenso wie Post-Generaldirektor Anton Wais vor, das Unternehmen durch die Verbreitung von Negativzahlen "in einer kreditschädigenden Art und Weise schlecht zu reden". In der vom Aufsichtsrat beschlossenen Mittelfristplanung bis 2006 gehe das Unternehmen von einem bis dahin kumulierten Betriebsgewinn (EBIT) zwischen 149 Mio. Euro (worst case) und 270 Mio. Euro (best case) aus, und bis 2007 habe Finanzchef Rudolf Jettmar beim letzten Aufsichtsrat Mitte Mai ein kumuliertes EBIT von 345 Mio. Euro in Aussicht gestellt, sagte Gewerkschaftschef Gerhard Fritz am Dienstag auf einer Pressekonferenz.

Gewerkschaft lehnt nun auch Minderheitsverkauf ab

Fritz glaubt, dass die Manager die Post "wider besseren Wissens als Sanierungsfall" darstellen würden, um damit den Verkauf des Unternehmens voranzutreiben. Die Gewerkschaft, die bisher nur gegen einen Mehrheitsverkauf der Post war, lehnt nun auch einen Minderheitsverkauf klar ab. Fritz fordert die sofortige Rücknahme des entsprechenden Regierungsbeschlusses und droht mit "Kampfmaßnahmen, die Österreich in diesem Ausmaß noch nie erlebt hat".

Partner "nur im Auslandsgeschäft"

Den Einstieg eines strategischen Partners kann sich die Gewerkschaft nur noch im Auslandsgeschäft vorstellen. Die Post habe dafür Teile ihres Südosteuropa-Geschäfts in Kroatien, Slowenien und der Slowakei bereits im Vorjahr in eine Auslandsholding ausgelagert. Im Österreich-Geschäft sieht Fritz keinen Bedarf für strategische Partnerschaften. Die Gewinnerwartungen seien im ersten Quartal 2004 massiv übertroffen worden, zusätzliche Gewinne durch eine strategische Partnerschaft seien im Inlandsgeschäft nicht zu erwarten. Österreichische Post habe gegenüber den potenziellen Käufern - vor allem der Deutschen Post - sowohl im Know-How als auch in der Qualität einen Vorsprung, meint Fritz.

Entscheidung im September

Laut früheren Angaben der ÖIAG prüft der Post-Vorstand derzeit noch beide Varianten - einen Alleingang und einen Teilverkauf an einen größeren Konkurrenten. Die endgültige Entscheidung scheint sich unterdessen zu verzögern. Hatte Michaelis zuletzt einen Abschluss der Variantenprüfung für Anfang Juli in Aussicht gestellt, heißt es nun, der Aufsichtsrat werde sich erst Anfang September mit "möglichen Vorteilen einer strategischen Partnerschaft" befassen.

Bei der ÖIAG-Aufsichtsratssitzung Ende nächster Woche (18. Juni) soll der Post-Verkauf - zumindest laut Tagesordnung - kein Thema sein. Der Post-Vorstand wird aber "turnusmäßig" über den Geschäftsverlauf zu berichten haben, und die Gewerkschaft überlegt wegen der Causa einen Misstrauenstrag gegen Michaelis.

ÖIAG: Vorstands-Zahlen richtig

Die ÖIAG weist die Vorwürfe der Gewerkschaft zurück: Michaelis sei von der Gewerkschaft falsch interpretiert worden. Die zitierten 260 Mio. Euro "Ergebnislücke" beschreibt sie - wie die Post - lediglich als eine "Risikopotenzialabschätzung". Die Mittelfristplanung beruhe umgekehrt auf einer "Schätzung, die massive Veränderungen im Unternehmen voraussetzt, die erst im Herbst beraten werden". Die kolportierten Zahlen seien aber "von der Tendenz her beide richtig", so ein Sprecher.

Auch SPÖ lehnt Teilverkauf ab

Wie die Gewerkschaft lehnt auch die SPÖ einen Verkauf von Post-Teilen ab. "Eine strategische Partnerschaft wäre der erste Schritt zur Totalprivatisierung. Die Post AG muss zur Gänze österreichisch bleiben", meinte SPÖ-Wirtschaftsprecher Johann Moser.

Seiner Ansicht nach würden durch eine Teilprivatisierung massiv Arbeitsplätze und auch die Qualität des Postdienstes gefährdet. Die SPÖ ist stattdessen für eine Infrastruktur-Holding, in der neben der Post auch die ÖBB, die OMV- und die AUA-Anteile eingebracht werden sollen. (APA/red)

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    foto: post ag
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