My Mörser and me

8. Juni 2004, 17:43
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Ein Küchenutensil, das nahezu vom Aussterben bedroht war, feiert dank dem kleinen, dicken Engländer einen Boom sondergleichen.

Mein Mörser ist aus hellem Marmor, recht klein, und im Laufe der Jahre, seit ich ihn im Zuge einer Übersiedlung meiner Mutter entwendete (die ihn aber eh auch nicht so dringend brauchte ...), setzte er eine Schicht klebriger Küchenpatina von respektabler Stärke an. Aber kein Wunder, denn wenn hier in Österreich gewürzt wurde, dann mit Salz, und das löst sich eh auf, oder mit Pfeffer, für den hat man eine Mühle, oder mit Kümmel, Wacholder und Lorbeer, alles im Ganzen zu verwenden. Und sollte man dennoch plötzlich etwas Pulvrisiertes brauchen, so wohnte das in diesen Gewürz-Sackerln der Firma Kotany, die da irgendwo hinten in einem Winkerl jahrelang schön ausrauchen und ihr Aroma verlieren konnten.

Und dann war da vor ein paar Jahren auf einmal der Hokkaido-Kürbis, und der schrie quasi danach, mit Gewürzen aller Art malträtiert zu werden, und weil das Korianderkorn und der Kreuzkümmelsamen nun einmal zerstoßen so viel mehr hermachen, und man dann irgendwann auch einmal über mehr verschiedene Pfeffersorten denn Pfeffermühlen verfügte, kam dieser komische Mörser halt wieder einmal zum Einsatz. Aber heißa, da ging was weiter! Und gleich den Senfsamen und den Bockshornklee, den harten, auch hinein. Und was sonst noch so da ist, rein damit, reiben, riechen, und ins Gemüse.

Der Jamie Oliver machte den Mörser ja überhaupt nicht nur salonfähig, sondern quasi zum zentralen Element seiner Küche, klar, er bereitet darin auch Dinge zu, denen zarter besaitete Kocher vielleicht den Schlag mit dem Stampfer vielleicht ersparen würden, aber egal, gestampft wird, was nicht schnell genug davonlaufen oder sich im Eiskasten verkriechen kann. Mein kleiner, weiß-grauer Marmor-Mörser konnte mit diesem Hype natürlich nicht mehr mit (der dient jetzt nur mehr für die Zermahlung eher fein zu dosierender Gewürze), das wäre ja fast so, als würde man mit dem Puch Maxi zum Harley-Treffen fahren (dazu muss ich sagen, dass ich auch nicht mit einer Harley zu einem Harley treffen fahren würde, beziehungsweise, dass ich mit einer Harley eigentlich überhaupt nirgendwo hin fahren würde), ein neuer musste also her. Der, den Jamie Oliver da hat, so ein grau-grüner, asiatischer, wollte aus meinem Kopf irgendwie nicht mehr so ganz raus, aber entweder gibt’s den bei uns nicht (genausowenig wie diese höllenscharfe Mini-Reibe, mit der er da immer die Zitronenschalen reinfitzelt), oder alle anderen haben schon einen und nur ich hab noch diesen kleinen aus hellgrauem Marmor.

Was umso unzulänglicher war, da sich mir inzwischen das weite Thema des Pesto eröffnete, und zwar in seiner gesamten Vielfalt und Breite (Details werden hier nicht verraten, da ich hoffe, mit meinen unvergleichlichen Pesto-Rezepten einmal sehr reich und sehr berühmt zu werden), und Pesto im kleinen Mörser, das ist echt nichts für Erwachsene. Der liebste Mensch der Welt sah mich leiden und vermachte mir daher einen neuen Mörser. Der ist zwar auch hellgrau und aus Marmor, aber dafür so groß, dass man ihn auch ganz gut auf den Balkon stellen könnte, um entweder Goldfische oder Pflanzen drin zu haben. Sauschwer natürlich auch, ich muss jetzt wieder etwas mehr Sport machen, um Mörsi gefahrlos von dem Regal auf die Arbeitsfläche zu hieven, und den Stössel zu betätigen ist sowieso Bergwerk pur. Na ja, aber jedenfalls gibt es bei uns jetzt jeden Tag irgendwas mit Pesto; oder Chili; oder mit sehr vielen gröber oder feiner gestoßenen Gewürzen jedenfalls. Meine Mutter, die nicht so gern scharf isst, fürchtet sich schon ein bisschen vor einem Essen bei mir, und auch dem liebsten Menschen der Welt geht es ein bisschen auf die Nerven, dass mittlerweile nichts mehr ohne markantes Würz-Erlebnis meine Küche verlässt.

Aber ich kann nicht anders, der destruktive Vorgang des Zerreibens, die Veränderung des Aggregatzustandes unter Zuhilfenahme unwiderstehlicher Gewalt – herrlich ist das! Und erst der Gedanke, dass dieses Mörser-Ding selbst bei heftigem Gebrauch dennoch locker so an die tausend Jahre alt wird – das ist doch eine Herausforderung! Es lebe der Mörser!

von Florian Holzer
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