"Vorbei ist's mit der Gemütlichkeit"

9. Juni 2004, 09:59
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Schlägereien um einen Parkplatz, blutige Köpfe wegen eines Stinkefingers - Der Grazer Stressforscher Moser ist überzeugt, dass es allgemein "ungemütlicher" wurde

Wien/Graz – Alltagsexperten der Meteorologie schieben es meist auf den Himmel: Wenn die Leute gereizt sind, kommt schlechtes Wetter. Juristischen Fachleuten hingegen fällt auf, dass die Menschen zunehmend auch bei Sonnenschein ausrasten. Und das oft wegen scheinbar banaler Auslöser.

Vergangenes Wochenende stellte ein Autofahrer – irgendwo bei einem Einkaufszentrum in Purkersdorf – sein Gefährt so knapp neben ein daneben parkendes Auto, dass der andere Lenker nur über den Beifahrersitz einsteigen konnte. Den Schimpfworten folgten bald Taten, der 54 Jahre alte "Parksünder" ging nach einer Attacke des 76-jährigen Kontrahenten, der den Nebensitzeinstieg nehmen musste, zu Boden. Sein Kopf schlug schwer am Asphalt auf. Diagnose: Schädelbasisbruch.

Keilerei in Salzburg

Ein angeblich wilder Fahrstil plus anschließend hoch erhobener Stinkefinger waren – ebenfalls am Wochenende – Anlass für eine weitere Keilerei in Salzburg, an der in Summe sechs Personen beteiligt waren. Vier von ihnen erlitten leichte Verletzungen.

Was ist los mit den angeblich so gemütlichen Österreichern? Maximilian Moser, Grazer Stressforscher an der Medizinischen Universität Graz und dem Joanneum Research, ist überzeugt: "Mit der Gemütlichkeit ist es vorbei." Auch in der österreichischen Gesellschaft sei "die Luft rausgelassen" worden. Man habe die so wichtigen "Puffer" entfernt: die Zeitpuffer der Erholung und Regeneration.

Immer kürzere Pausen, weniger Möglichkeiten, krank zu werden, spätere Pensionierungen. Es sei in den vergangenen Jahren an vielen Schrauben in dieselbe Richtung gedreht worden. Moser zum Standard: "Die Gemütlichkeit ist den Österreichern verlorenen gegangen. Es ist nicht mehr gemütlich hier, sondern sozial sicher kälter und weniger tolerant."

Gewalt als Lösung

In diesem Umfeld dürfe auch die mediale Beeinflussung nicht außer Acht gelassen werden, sagt Moser: "Es wird ja selbst in Filmen der öffentlich rechtlichen Medien, die einen Bildungsauftrag haben, Gewalt als Lösung angeboten. Da soll ausgerechnet der Österreicher gemütlich bleiben?"

Wie sehr sich der Toleranzpegel der Erregung nach unten verschoben hat, beschäftigt auch die Justiz. Deutschlands Gerichte und Staatsanwälte etwa stöhnen längst unter einer zunehmenden Flut von Anzeigen wegen banaler Beleidigungen. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel ätzte gar in einer der letzten Ausgaben: "Willkommen in der Beleidigten-Republik". Deutsche seien unflätiger denn je – und leichter eingeschnappt.

In Wien versucht man des Gerangels um die raren Parkplätze seit zehn Jahren mit der so genannten Parkraumbewirtschaftung Herr zu werden. Der Verkehrssprecher der Wiener VP, Wolfgang Gerstl, beklagte am Montag, dass jedoch immer mehr Anrainer trotz des kostenpflichtigen "Parkpickerls" keinen Parkplatz mehr bekämen. Sein Wunsch: Der Grundsatz solle in Zukunft nicht mehr "Pflicht zum Zahlen", sondern "Recht auf einen Stellplatz" lauten. Die Stellplätze können durch den Bau von Bezirksgaragen erhöht werden, so Gerstl. (Walter Müller, Der Standard, Printausgabe, 08.06.2004)

  • "Mit der
Gemütlichkeit ist es vorbei."
    foto: derstandard.at

    "Mit der Gemütlichkeit ist es vorbei."

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