"FRAUlenzen" als Antithese zu Schwarz-Blauer Frauenpolitik

8. Juli 2004, 13:46
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Offener Brief zur Nicht-Teilnahme an der Verleihung des österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreises 2004 - von Christine Aebi und Lilly Axster

An die Jurorinnen und Juroren der Österrreichischen Kinder- und Jugendbuchpreise 2004. An die Damen und Herren der Arbeitsgruppe Kinder- und Jugendbuchpreise 2004. An die Preisträgerinnen und Preisträger der Kinder- und Jugendbuchpreise 2004. An Herrn Staatssekretär Franz Morak sowie die Vertreterinnen und Vertreter des Bundeskanzleramtes Sektion Kunst

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir freuen uns sehr, dass neben anderen auch unser Bilderbuch "Wenn ich groß bin, will ich FRAUlenzen" mit dem österreichischen Kinderbuchpreis prämiert wurde. Wir haben uns allerdings dazu entschieden, an der Preisverleihung nicht teilzunehmen, da sie von Herrn Staatssekretär Morak als offiziellem parteipolitischen Repräsentanten vorgenommen wird. Zu genau ist uns noch die nach dem Regierungswechsel 2000 ermutigende und wichtige Weigerung der damaligen PreisträgerInnen, die Auszeichnungen von Herrn Morak entgegenzunehmen, in Erinnerung. Wir möchten, wider jeden vermeintlichen Gewöhnungseffekt, wach bleiben angesichts einer Politik dieser Regierung, die die Basis unseres Buches und unserer Arbeit genaugenommen zu zerschlagen sucht.

"Wenn ich groß bin, will ich FRAUlenzen" hat als Ausgangspunkt die Wortschöpfung "FRAUlenzen" der bekannten feministischen Linguistin Luise F. Pusch, deren Schaffen quasi als Antithese zur Frauen- und Geschlechterpolitik der Regierung bezeichnet werden muß. In vehementer Abgrenzung zum Feminismus wurde von der ÖVP u.a. in der Kampagne "stark schwarz weiblich" der "Femailismus" ausgerufen, der die weiße österreichische heterosexuell orientierte Frau, die auch Mutter ist oder sein will und nebenbei erfolgreich im Beruf, aber nicht zu sehr, als Norm setzt. Ungeachtet aller Alleinerzieherinnen, sonstiger Lebensentwürfe und realer Gewaltverhältnisse wird das Ideal der Kleinfamilie festgeschrieben. Das propagierte konservative Mutter- und Frauenbild geht einher mit einem Naheverhältnis zu reaktionär gewalttätigen AbtreibungsgegnerInnen, was einen kaum noch möglich geglaubten Angriff auf das Selbstbestimmungsrecht von Frauen darstellt. Eine restriktive Sexmoral, die Änderung des Sorgerechts, eine durch und durch antifeministische Sprache, rassistische und homophobe Gesetzesänderungen, das Ende des hart erkämpften freien Zugangs zu Bildung und viele andere frauenfeindliche Massnahmen begleiten die sogenannte Frauenpolitik der rechts-rechten Koalition.

Gleichzeitig ist die Arbeit und Existenz zahlreicher Fachfrauen- und männer, DenkerInnen und AktivistInnen in kritischen frauenpolitischen Projekten und Initiativen im ganzen Land bedroht. Der Angriff auf das hier gesammelte Wissen erfolgt durch ersatzlose Streichung von Geldern und Räumen, massive Kürzungen, untragbare inhaltliche Umformatierungsforderungen und Verunglimpfung der Arbeit.

Wir selber sind, neben unserer Tätigkeit als bildende Künstlerin und Autorin, im Bildungs- und Sozialbereich beschäftigt, konkret als Lehrerin und Präventionistin von sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Hier spüren und sehen wir hautnah die Auswirkungen dieser Zerstörungspolitik der Koalition.

Dass es dennoch immer wieder zu beweglichen Allianzen wider Sexismus und Rassismus, zur Offenlegung verschwiegener Geschichte, zu Neudeutungen von Geschlecht und anderen vermeintlich festgeschriebenen Kategorien, zu sozialen Bewegungen und einem Denken gegen den Strom kommen kann, macht uns Mut.

Es ist uns nicht möglich, aus der Hand eines hochrangigen Vertreters dieser Regierung den Preis für ein Buch entgegenzunehmen, das auf eben jenem Wissen und Wirken vieler anderer Menschen aufbaut und es in das Medium Bilderbuch hineinzuschreiben- und malen sucht. Die kleinen und großen BetrachterInnen und LeserInnen unseres Buches werden herausgefordert, mit der Protagonistin und ihren beiden Beschützerinnen Königin C und Königin D, bild- und wortsprachenmäßig ungewohnte Wege zu gehen und die herrschende (Märchen-) Ordnung durch lustvolles FRAUlenzen zu unterwandern. Das Buch will Mädchen ermächtigen, sich selbst ins Zentrum zu setzen, "von oben bis unten und hinten auch und vorne ..." im Sinne einer Mädchenidentität, -sexualität, -geschichte und -sprache ... "und so die welt von a bis zärtlich neu zu erkinden bis zur applausenden toberei."

Dass unsere Schritte in diese Richtung von der unabhängigen Jury prämiert wurden, freut uns ganz besonders. Wir drücken mit diesem Brief auch unser Bedauern aus, im Rahmen der offiziellen Zeremonie die neuen Kinder- und Jugendbücher nicht feiern zu können. Wir freuen uns aber darauf, an dem von der Arbeitsgruppe veranstalteten Round-Table-Gespräch und Fest der jungen Leser und Leserinnen teilzunehmen. An dieser Stelle ganz herzlichen Dank an Frau Plautz und alle mit der Organisation der diesjährigen österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreise betrauten Personen.

Mit freundlichen Grüßen

Christine Aebi und Lilly Axster

von Christine Aebi und Lilly Axster

Wien und Luzern im Mai 2004

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