Steve Lacy 1934-2004

11. Juni 2004, 14:04
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Sopransaxofonist erlag Leberkrebs

Brookline - Improvisieren soll eigentlich ein Komponieren in Echtzeit sein - eine der schönen Musikutopien. In der realen Situation des Musizierens entpuppt sich das spontane Ideenentwickeln nicht selten jedoch als Repetition und Variation eines eingeübten Phrasenkanons. Sopransaxofonist Steve Lacy ließ einen hingegen noch an die Utopie glauben.

Natürlich war auch bei ihm, wie bei allen großen Jazzdenkern, das erarbeitete Repertoire, das Vorauserdachte mit im Spiel. Trotzdem: Der New Yorker, am Dixieland ebenso geschult wie am Freejazz, war der Inbegriff des substanzvollen Spontanjazzers, da er Soli nicht selten aus dem Geist - man könnte sagen - barocker Variationstechniken aufgebaut hat. Zumeist schien Lacy seine Ideen ja exakt aus dem thematischen Ausgangsmaterial der verwendeten Stücke heraus zu entwickeln.

Dass seine schrägen melodischen Pointen an die Ästhetik von Thelonious Monk gemahnten, war kein Zufall. Für Lacy war Monk über Jahre ein wichtiges Studienobjekt. War Monk ein Genie der Aphorismen, hatte Lacy hingegen einen langen melodischen Entwicklungsatem. Steve Lacy ist, wie jetzt erst bekannt wurde, am 2. Juni an Leberkrebs gestorben. (tos/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 6. 2004)

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    foto: der standard
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