Ein astronomisches Jahrhundertspektakel

6. Juni 2004, 14:00
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Die Venus zog vor der Sonnenscheibe vorbei - solch ein Venustransit ist von Europa aus erst wieder 2247 zu sehen

Graz - Das war für Europa definitiv ein Jahrhundertereignis: Am Dienstag erscheint die Venus als schwarzer Punkt vor der Sonne und wandert sechs Stunden lang über die Sonnenscheibe. Solch ein Venustransit oder Venusdurchgang ereignete sich zuletzt 1882. Von Europa aus wird man erst wieder 2247 einen solchen vollständig sehen können.

Es ist ein seltenes, aber regelmäßiges Ereignis, das paarweise in Abständen von acht Jahren und dann erst wieder in 105,5 oder 121,5 Jahren auftritt: Innerhalb der Erdbahn umkreist die Venus die Sonne in 224 Tagen (siehe Grafik). Alle 584 Tage zieht sie zwischen Erde und Sonne hindurch, hält sich dann meist oberhalb oder unterhalb der Sonne auf, denn die Bahn der Venus ist um 3,4 Grad gegen die Ebene der Erdbahn geneigt.

Nur wenn sich der Planet nahe einem Schnittpunkt ihrer Bahn mit der Erdbahnebene befindet, zieht sie von der Erde aus gesehen über die Sonnenscheibe hinweg. Dieses Schauspiel kann - lässt es das Wetter zu - ohne Fernrohr verfolgt werden, allerdings nicht mit bloßem Auge: "Um Augenschäden zu vermeiden, müssen wie bei der Sonnenfinsternis Spezialbrillen getragen werden", warnt Wolfgang Otruba, Astronom am Sonnenobservatorium Kanzelhöhe der Uni Graz. Das Spektakel beginnt gegen 7.20 Uhr.

Johannes Kepler war 1627 der Erste, der mithilfe seiner geometrischen Gesetze von den Umlaufbahnen der Planeten einen Venustransit für 1631 ankündigte. Ihm war die Bestätigung seiner Vorhersage nicht vergönnt, er starb ein Jahr vorher. Der britische Astronom Jeremiah Horrocks beobachtete 1639 als Erster einen Durchgang der Venus.

1716 rief Edmond Halley dazu auf, den Transit im Jahr 1761 mittels seiner Methode der trigonometrischen Peilung zu vermessen - er selbst konnte das Ereignis auch nicht mehr erleben. Dennoch: Halley wollte so endlich den Abstand von der Erde zur Sonne bestimmen. Seine geometrische Rechnung fußt darauf, dass mehrere Beobachter den Venusdurchgang gleichzeitig von weit auseinander liegenden Orten aus verfolgen. So sehen sie die Venus unter verschiedenen Blickwinkeln und beobachten unterschiedliche Venusbahnen. Aus dem Verhältnis der Positionen der Beobachter auf der Erde und ihrer gemessenen Venusbahnen ergibt sich dann der Abstand zur Sonne.

Fernrohre verbogen

Also segelten 1761 tatsächlich zahlreiche europäische Schiffe an mehr als 100 Orte der Welt - es war das erste internationale Forschungsprogramm der Geschichte. Doch gab es fast auf jeder Fahrt Probleme. Viele Forscher wurden durch Krankheit, Krieg oder Schiffbruch aufgehalten. Anderen hatte tropische Hitze die Fernrohre verbogen.

Trotzdem hatten noch genügend Forscher Glück und lieferten die benötigten Daten - unter ihnen der britische Kapitän James Cook, der an Bord seines Schiffes "Endeavour" aus diesem Anlass zu einer weiteren, berühmt gewordenen Expedition in den damals noch weithin unerforschten Südpazifik aufgebrochen war.

Aus den so gewonnenen Daten errechnete der französische Astronom Joseph Lalande den Abstand zur Sonne auf 153 Millionen Kilometer. Heute wird er mit 149,597.870 Kilometern angegeben. Die damaligen Strapazen hatten sich gelohnt: Endlich hatte die Erde eine Position im Weltall.

Aber auch heute noch ist der Venustransit von wissenschaftlichem Interesse, auch wenn die Distanzen der Himmelskörper mit Radarsatelliten inzwischen millimetergenau vermessen sind und die Venus bereits von mehreren Raumsonden erkundet wurde. Die Forscher interessiert nun vielmehr die Frage, ob wir allein sind im Universum.

Ob Planeten in fernen Sonnensystemen Leben beherbergen, könnte ihr reflektiertes Licht verraten: Läuft dieses durch ein Spektrum, spaltet es sich in unterschiedliche Wellenlängen auf. Diese geben Auskunft über die Gase, die das Licht durchlaufen hat.

"Beim Transit beleuchtet die Sonne die Venus so gut wie nie, sodass wir optimale Lichtspektren aus der Venusatmosphäre erhalten. Damit können wir unsere Instrumente für ferne Planeten einstellen", sagt Alex Feller, Astronom an der ETH Zürich. So werde man besser feststellen können, ob Atmosphären ferner Planeten Gase enthalten, die auf Leben deuten. (boja/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6. 6. 2004)

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    grafik: der standard
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