Dorfgeschichten

11. Juni 2004, 13:22
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Panos Karnezis erzählt von einem anderen Jahrhundert und ist doch von heute

Am erstaunlichsten an diesem Erzählband ist vielleicht das Alter des Autors: Panos Karnezis wurde 1967 in Griechenland geboren und zog 1992 nach England. Was er in seinem ersten Buch farbenfroh und detailliert beschreibt, ist nämlich so archaisch, dass man an einen hundertjährigen Erzähler glauben könnte, stünden dem nicht die starken Bilder und die eindrucksvolle Sprache entgegen.

Kleine Gemeinheiten spielen sich in einem griechischen Dorf ab. Allmählich kristallisiert sich aus den einzelnen Geschichten eine durchgängige Handlung mit wechselnden Protagonisten heraus. Was zunächst anmutet wie eine leicht skurrile Version von Don Camillo ohne Peppone, gerät aber sehr bald in ein recht düsteres Licht. Der sadistische Grundbesitzer wird vom Priester in die Kirche gelockt und dort ermordet; das ganze Dorf schaut zu und hält dicht. Oder: Ein brutaler Kindesmisshandler entgeht seiner gerechten Strafe dank der modernen Antibiotika, - was den Pater Gerasimo gar nicht freut. Ein armer Kleinbauer erbt ein altes Rennpferd, mit dem er absolut anfangen kann. Der heruntergekommene Zentaur hat die Schnauze voll vom Wanderzirkus und verlangt mehr Gage. Ein unheimlicher Trupp von Jägern verirrt sich in den abgelegenen Landstrich und bringt Unheil ins Dorf, was umso grauenvoller ist, als es keine Erklärung dafür gibt. Das gemahnt an den Terror von Besatzern, wie ein fernes Echo mögen da die kollektiven Erinnerungen an die deutsche Okkupation nachklingen.

Karnezis balanciert zwischen Fantastik und krassem Realismus. Seine Figuren sind arm, ungebildet, hoffnungslos und ziemlich ohne Unrechtsbewusstsein. Außerhalb ihrer engen Welt existiert nichts. Es sind tragisch-komische Gestalten im Kampf ums Überleben. Und selbst dieser Kampf erweist sich am Ende als lächerlich und vergeblich. Nichts geht so aus, wie man es sich wünschen möchte, und Gerechtigkeit ist sowieso nirgends zu finden. Insofern erweist sich das griechische Dorf als Theatrum Mundi und ist ganz und gar von heute. (DER STANDARD, Printausgabe vom 5./6.6.2004)

Von Ingeborg Sperl
  • Panos KarnezisKleine Gemeinheiten.
Aus dem Englischen von Sky Nonhoff.
€ 16,-/277 Seiten. dtv premium 2004.
    foto: buchcover

    Panos Karnezis
    Kleine Gemeinheiten.
    Aus dem Englischen von Sky Nonhoff.
    € 16,-/277 Seiten. dtv premium 2004.

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