Die Zeit anhalten

11. Juni 2004, 13:22
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Richard Powers' erzählerischer Kraftakt "Der Klang der Zeit"

Mein Schreiben soll Kopf und Herz vereinen", sagt Richard Powers. "Ich bin daran interessiert, viel intellektuelles Territorium für den Roman wiederzugewinnen - aber das soll ohne Verluste im emotionalen Territorium funktionieren." Damit ist der 47-jährige US-Erzähler nicht allein. Schon seit Jahren verknüpfen in seiner Heimat immer mehr Autoren Berge von Recherchematerial (gerne aus den entlegensten Wissensgebieten) mit gefühligen Plots (meist über ungewöhnliche Familienschicksale) zu groß angelegten amerikanischen Romanen. Jetzt schließt sich ausgerechnet Powers dieser Bewegung an. Galt der studierte Physiker doch bislang als der - wiewohl moderate - Avantgardist unter den jüngeren US-Romanciers - als einer, von dem man sich einen Gegenentwurf zu immer biederer gestalteten Texten erhofft hätte.

Umso überraschender kommt Der Klang der Zeit, eine umfangreiche Chronik der schwarz-weißen USA. Wie vor ihm Jonathan Franzen oder Jeffrey Eugenides nimmt nun auch Powers ein Familienschicksal als Ausgangspunkt, um in einem Kraftakt nichts weniger als die Vereinigten Staaten des 20. Jahrhunderts nachzuerzählen. Ihren Lauf nimmt die Geschichte am Ostersonntag des Jahres 1939, bei einem Freiluftkonzert der schwarzen Sängerin Marian Anderson in Washington, das vor 75.000 Besuchern zu einer frühen Demonstration von Black Power gerät. Vor dem Lincoln-Denkmal lernen sich an diesem Tag zwei Menschen kennen, die auf den ersten Blick nichts verbindet: die Schwarze Delia Daley und der Jude David Strom. Was die energische junge Frau und den in jeder Hinsicht blassen deutschen Emigranten jedoch eint, ist ihre Liebe zur Musik sowie der Glaube, dass die Mauern zwischen Schwarzen und Weißen in den USA bald fallen werden. Gegen den Widerstand ihrer Familie wagen die beiden das Experiment einer - in vielen Bundesstaaten noch unter Strafe stehenden - so genannten Mischehe.

Ihre drei Kinder wachsen in einem Zwischenreich auf. Alle mehr oder weniger schwarz und weiß, sehen sich Jonah, Joseph und Ruth außerhalb der schützenden vier Wände mit einer ihnen verdutzt bis feindselig gegenübertretenden Welt konfrontiert. "Was seid ihr Jungs eigentlich?", fragt ein alter Oberst die ganz für die Musik lebenden Söhne nach ihrem Sieg bei einem Talentwettbewerb. Die Zeiten nämlich ändern sich, entgegen dem Glauben der Eltern, nur sehr langsam. Jeder reagiert darauf auf seine Weise: Der Ausnahmetenor Jonah und sein getreuer Klavierbegleiter Joseph mühen sich lange Jahre auf den zweiten und dritten Bühnen des Landes damit ab, als vollwertige Interpreten der klassischen Musik der Weißen akzeptiert zu werden, die Schwester rebelliert nach dem frühen, lange Zeit ungeklärten Tod der Mutter gegen ihren hellhäutigen Erzeuger, indem sie sich den Black Panthers anschließt.

So zerfällt die Familie in ihre Einzelteile: Jonah geht nach Europa, wo er bessere Engagements bekommt, Joseph bricht nach Jahrzehnten blinden Gehorsams mit ihm und betäubt sich als Barpianist, Ruth verschwindet im Untergrund, der Vater ergeht sich in kauzigen Berechnungen über die Möglichkeit der Krümmung von Zeit. Am Ende ist die halbe Familie tot, ehe sich der verbliebene Rest, der einst mit gemeinsamem Singen aufwuchs, in einer als Zukunftsbild gezeichneten Schulklasse der Neunzigerjahre im Gesang neu (er)findet. Denn immer spielt die Musik dazu. "Seit 'Dr. Faustus' hat vielleicht kein Romanautor mehr so verständlich und begeistert über Musik geschrieben", freute sich die New York Times über Powers' blumige Konzertschilderungen. Wenn die musikalischen Darbietungen in Der Klang der Zeit allerdings einmal den Konzertsaal verlassen und die Akteure lange Haare tragen, wird der Autor erstaunlich einsilbig. Der HipHop von Ruths aufsässigem Sohn ist für ihn sowieso nichts weiter als Lärm.

Freilich hat Powers mit seinem Schreiben das Gegenteil von pumpenden Beats im Sinne. Als "letztes säkulares Gebet" hat er den Roman kürzlich bezeichnet, Lesen versteht er als "einen unsichtbaren, ruhigen Prozess". Bedächtig baut er vor realen historischen Kulissen ein Familienporträt auf, das gleichzeitig in jedem Satz auf die amerikanische Geschichte verweist. In dieser thematischen Pendelbewegung tastet sich Powers' Erzähler Joseph vom ersten großen Konzert 1961 langsam in die Gegenwart vor und kehrt andererseits immer wieder zum Anfang zurück, zu den Vorgeschichten der Familien Daley und Strom. Manchmal bleiben er und die Zeit auch einfach nur stehen, um erstaunt zu betrachten, was schon wieder alles geschehen ist.

Ja, Der Klang der Zeit ist ein meisterhaft komponiertes, wunderbares Buch, aber im Grunde seines Kopfs und Herzens auch ein bestürzend restauratives, rückwärts gewandtes. Anstatt die Zeit zurückzudrehen, um sie anzuhalten, sollte sich der Roman besser auf die Zukunft gefasst machen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 5./6.6.2004)

Von Sebastian Fasthuber
  • Richard Powers, Der Klang der Zeit. Roman.
Aus dem Amerikanischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié.
€ 25,60/765 Seiten. S. Fischer, Frankfurt/Main 2004
    foto: buchcover

    Richard Powers,
    Der Klang der Zeit. Roman.
    Aus dem Amerikanischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié.
    € 25,60/765 Seiten. S. Fischer, Frankfurt/Main 2004

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