Ein kurioses, fremdes Wesen

8. Juli 2004, 12:06
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Die Journalistin Sabina Riedl (39) über Rupert Riedl (79)

Der Vater, sagt man, ist der erste Mann im Leben eines Mädchens. Als Tochter kann ich das bestätigen - wenn auch nicht genau so, wie das der Volksmund meint. Mein Vater war für meine Schwester und mich freilich auch ein Liebesobjekt, ein "Daddy-Bär", wie die meisten Väter.

Vor allem aber war er ein kurioses, fremdes Wesen, das sich durch seine patriarchale Stellung innerhalb der Familie für eine Begutachtung förmlich aufdrängte. Als Sprösslinge eines Biologen haben wir früh gelernt, die Dinge um uns mit dem unbestechlichen Blick des Naturforschers zu betrachten. Geliebte, verstorbene Haustiere wurden zwar zuerst beweint, anschließend aber im Garten bestattet und schließlich ausgegraben, um als minutiös zusammengesetzte Skelette in einer Schuhschachtel "wiederaufzuerstehen".

So kann auch unsere erste Begegnung mit dem anderen Geschlecht als durchaus naturwissenschaftlich beschrieben werden. Im Alter von zwei und drei Jahren sahen meine Schwester und ich unseren Vater zum ersten Mal nackt. Nach einem kurzen Überraschungsmoment und eingehender Musterung sagte meine Schwester mit ernster Mine: "Armer Papa." Seither haben wir uns ausgiebig mit den Unterschieden zwischen den Geschlechtern beschäftigt - meine Schwester als Anthropologin und ich als Wissenschaftsjournalistin. Unser jüngstes Buch über die Schwächen des "starken Geschlechts", erscheint im Herbst. Und das unbestritten erste Studienobjekt vom anderen Stern war und ist unser Vater - und ein sehr inspirierendes obendrein. Pfeife rauchend, Gitarre spielend, Bücher schreibend, mit unglaublich festen Wadln und einem unverwüstlichem Humor hat er uns Trumpf und Tragik des männlichen Daseins vorgeführt.

"Schattiges" Biotop

Kokonartig versponnen in die Welt seiner Gedanken hat er jegliche Verbindung zu den "Niederungen des Alltags", wie er den Rest des Lebens gerne nennt, gekappt und treibt einsam, aber elitär, bewundert und angefeindet in den Weiten seiner Erkenntnisse. Oft frage ich mich, ob wir als Buben ein ebenso unbeschwertes Verhältnis zu unserem Vater entwickelt hätten - wer weiß. Väter, besonders berühmte Väter, werfen ja bekanntlich große Schatten - Schatten, in denen dann vornehmlich unglückliche Söhne vegetieren. Als Mädchen waren wir nie Teil der unerbittlichen Konkurrenz- und Machtspiele unter Männern und haben deshalb die Welt der Wissenschaft mit ihren klugen Köpfen, schrägen Vögeln, dem Schöngeistigen, Versponnenen, Gewagten und Außergewöhnlichen vollkommen selbstverständlich in uns aufgesogen ohne den Zwang, jemals ein Teil davon, geschweige denn ein wichtiger, werden zu müssen. Das war und ist bis heute unser Biotop - ein schattiges vielleicht, aber eines, in dem die Flügel des Ikarus nicht schmelzen können. (DER STANDARD, Album, 5./6.6.2004)

Von Sabina Riedl und Schwester Barbara Schweder erscheint "Mimosen in Hosen - eine Naturgeschichte des Mannes" im Herbst bei Ueberreuther;

Rupert Riedl ist Evolutionsforscher und Autor.

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    Rupert Riedl, Trumpf und Tragik des männlichen Daseins vereinigend
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