Neuer Vater unser!

8. Juli 2004, 12:06
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Väterliche Präsenz in Kinderzimmern ist selten genug. Dennoch bieten die Neuen Väter bizarre Projektionsflächen für Schuldzuweisungen. Eine Antwort auf ein seltsames Vaterbild von Barbara Sichtermann

Ach, die Väter! Just weil sie in den Familien fehlen, geben sie Rätsel auf. Wäre ihre Präsenz bei der Kinderbetreuung selbstverständlich, man würde sich über die Auswirkungen ihres Umgangs mit dem Nachwuchs längst nicht so viele Gedanken machen. Da jedoch ihr verantwortlicher Einsatz im Kinderzimmer nur bei einem verschwindenden Prozentsatz zu verzeichnen ist, geben sie den idealen Pappkameraden für bizarre Projektionen ab. Dass Kinder konsumsüchtig sind und nicht still sitzen können, dass sie nichts lernen wollen und keine Empathie entwickeln, dass sie wie Aliens in unsere soziale Welt platzen und jeden Ansatz zur Harmonie zerstören - Schuld der Väter!

Die jüngste Variante zu diesem Thema hat Burkhard Strassmann in der Zeit abgeliefert (13. 5. 2004). Trotz des Seltenheitswerts, den Väter grosso modo in den Familien immer noch haben, sollen sie verantwortlich sein für die Dekomposition des kindlichen Egos, und zwar kommt es umso schlimmer, je selbstloser die so genannten Neuen Väter an Wochenenden, auf Kindergeburtstagen und bei Geburtsvorbereitungskursen zum Dienst am Kind bereit sind. Strassmanns Fazit: Die permissiven Erziehungsmethoden im Verein mit der Verunsicherung des Mannes, dem die alte Rolle als Ernährer, Haushaltsvorstand und autoritärer Befehlsgeber abhanden gekommen ist, erzeugen den unendlich nachgiebigen "Kuschelvater", der seinem Kind aus Angst vor Konflikten jeden Wunsch erfüllt - nur den einen nicht: als starker, auch einmal verweigernder Charakter den Jüngsten ein Vorbild zu sein.

Das väterliche Nein

Resultat: Die Praxen der KindertherapeutInnen quellen über von hyperaktiven Scheusalen, denen vor allem eines fehlt: das väterliche Nein.

Ein solcher Befund lässt sich schwerlich beweisen, weshalb er denn auch durch ein munteres Patchwork von Indizien abgestützt werden muss und so eine Scheinplausibilität gewinnt. Strassmann lässt alles weg, was den Kindern sonst noch so mitspielt, er konzentriert sich ganz auf die Väter. Er zitiert ein paar genervte TherapeutInnen, streut ein paar kühne Zahlen drüber, und fertig ist die Diagnose: Kids entgleisen, weil die Väter ihnen mit "Haltungsschwäche" begegnen - wir brauchen wieder mehr Autorität, väterliche vor allem.

Es muss hier einmal an eine Tatsache erinnert werden, die meistens ignoriert wird, wenn es um Erziehungsfragen geht. Man kann Kinder nicht so erziehen, wie man einen Hund dressiert. Dazu ist die Kommunikation zwischen Kindern und Eltern zu vielstrahlig und feinnervig, dazu sind auch die unbewussten Anteile zu einflussreich. Was auf ein Kind Eindruck macht und sein Verhalten formt, das ist die Art, wie die Eltern es ansehen, wenn es sein Butterbrot isst oder über einen Witz lacht, wie sie selbst als Paar miteinander reden und sich helfen oder zanken, wie sie spontan reagieren, das Kind drücken oder verspotten - das heißt, wie sie gerade nicht bewusst und zielgerichtet "erziehen". Natürlich gibt es epochentypische Erziehungsstile, die von sich reden machen und in die Kinderstuben hineinwirken, aber die sind immer nur die Spitze des Eisbergs. Das große Unterwassermassiv des ungeregelten und ungerichteten Umgangs von Vater (und Mutter) und Kind setzt sehr viel mehr in Gang als jede noch so gute Erziehungsabsicht.

Mithin: Ein Vater, der ein Charakter ist und es in seinem Leben sehr wohl gelernt hat, Nein zu sagen, wird das auch gegenüber seinem Kind tun, und wenn die Erziehungsprinzipien, die er sich angelesen hat, noch so "kuschelig" sind. Ein rückgratloses Weichei aber, das Vater geworden ist und Strassmann gelesen hat und fest entschlossen ist, bei jeder Gelegenheit auf den Putz zu hauen und Nein zu brüllen, wird mit seinem Rigorismus scheitern. Seine Kinder werden ihn irgendwann einfach auslachen, weil sie, wie Strassmann selbst anmerkt, zwischen dem, was der Papa wirklich denkt und fühlt, und den Posen, in die er sich wirft, sehr gut zu unterscheiden vermögen. Es ist ja nun doch unwahrscheinlich, dass sich ausgerechnet heutzutage unter den Neuen Vätern so viele Charakterkrüppel finden, dass es zum Verderb einer ganzen nachwachsenden Generation hinreicht.

Liberaler Verhandlungshaushalt

Also: Die Thesen und Taktiken, die als Erziehungsmethoden im Umlauf sind und von Eltern und Strassmann erörtert werden, haben nur einen begrenzten Einfluss auf die Kinder. Weiter kommt man beim Grübeln über die Ursachen von Zappeligkeit und Aggressivität bei den Kindern, wenn man andere Faktoren mit einbezieht und ein bisschen weiter zurück in die Geschichte schaut. Es ist einmal so: Wir sind, wie die Erziehungswissenschaft es formuliert, vom "autoritären Befehlshaushalt" zum "liberalen Verhandlungshaushalt" fortgeschritten, und hinter diese durchaus erfreuliche Errungenschaft samt dem Mitspracherecht für Kinder in den Familien führt kein Weg und auch kein Strassmann mit seinem Ruf nach unbefragbarer Alt-Autorität ("Du tust, was ich sage") zurück. Was viele Beobachter des Generationenverhältnisses und sicher auch Neue Väter verkennen, ist, dass es sehr viel mehr Einsicht und Kraft kostet, einen "liberalen Verhandlungshaushalt" zu führen und im Kind tendenziell d PartnerIn zu sehen, als einen "autoritären Befehlshaushalt" zu stemmen, in dem Pappi nur "Basta!" zu sagen braucht, und das wär's dann. Ja, Freiheit und Gleichheit sind schwer zu machen, sie verursachen Kosten, und der Anschein - ich betone: der Anschein! -, dass Väter und Mütter im Verhandlungsgerangel mit den Kids vor allem nachgeben, gehört dazu. Aber sie, die Gleichheit, ist letztlich das Konzept, mit dem sich die Kindeswürde sehr viel besser verträgt als der alte, abgelebte Autoritarismus.

Zappelphilipp

Und hier zum Mitschreiben für alle ZweiflerInnen: Kinder mit ADS (=Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) und Hyperaktivitätsdiagnose gab es immer schon - nur hieß das früher nicht so. Einen Beleg für das ehrwürdige Alter von ADS ist die Figur des "Zappelphilipp", nach dem heute eine "Störung" benannt ist - das Buch Struwwelpeter, aus dem sie stammt, ist 150 Jahre alt! Die Tatsache, dass die kleinen Nervensägen heute in Praxen von Therapeuten landen, ist, obwohl hier auch mit der normalen Zappeligkeit von Gören, die einfach nur mehr Rollschuh laufen oder Versteck spielen sollten, Geld geschnitten wird, an sich ein Fortschritt. Denn was geschah einst, wenn die Wildfänge tobten und sich nicht konzentrierten? Das Super-Erziehungsmittel Backpfeife kam zur Anwendung, und der Satz rote Ohren stellte Zappler ruhig. So einfach war das. Will Strassmann dahin zurück? Er kommt da an, wenn er seine famose Idee von der Reinstitution der (absoluten) väterlichen Autorität zu Ende denkt.

Rostige Polemik

Das Perfide an Strassmanns Artikel ist, dass er just in dem Moment, in dem eine hocherwünschte Entwicklung einsetzt, nämlich die verstärkte Hinwendung von Männern zur Familie und zu ihren Kindern - wobei diese Hinwendung sich ohnedies nur am Rande, in einem Miniprozentbereich abspielt -, mit der Kasperklatsche ausholt und den Popanz, zu dem er den Neuen Vater zuvor stilisiert hat, ordentlich verhaut. Dadurch könnten sich unsichere Männer, die nicht recht wissen, ob sie sich das Vatersein und Beim-Kind-Bleiben zutrauen sollen, nachhaltig entmutigt fühlen. Ziemlich peinlich übrigens die Strassmannschen Szenarien von Vätern, die "die Presswehen eindrucksvoller wegatmen als die Frau" und sich auch sonst auf der Rutsche und im Sandkasten lächerlich machen - dieses polemische Rüstzeug ist dreißig Jahre alt und so verrostet, dass es beim Lesen quietscht. Es wurde in identischen Formulierungen gegen die Alternativbewegung in Stellung gebracht, die in den Siebzigern die Freude am Kinderhaben entdeckte, und war schon damals geschmäcklerisch und hirnlos. Heute ist es nachgerade idiotisch. Ist doch super, wenn Väter ihre Frauen bei der Geburt unterstützen - wer kann im Ernst etwas dagegen haben?

Die Übertreibungen, die Strassmann ausmacht (am liebsten wollen die Neuen Väter selbst schwanger sein), entspringen seiner Fantasie, haben aber als Hirngespinste womöglich einen eigenen Sinn. Meint er am Ende gar nicht diesen (erfundenen) Jammerlappen von Paps, wenn er so vom Leder zieht? Handelt es sich vielleicht um eine (wie die Psychologen sagen) Verschiebung? Und sollte es die Frau sein, für die der Schmäh eigentlich bestimmt ist? Die Schlusssätze weisen darauf hin. Ein Mann, so Strassmann, muss sich durchsetzen. Unter anderem gegen "weibliche Ansprüche". Huh? Was soll denn das heißen? Im Kontext des Artikels ist nur eine Deutung sinnvoll: die Ansprüche der Frauen an die Männer, bei der Kinderbetreuung dabei und in der Familie vorhanden zu sein. Will Strassmann diese Ansprüche wirklich zurückschneiden? Na, das soll er einmal versuchen. (DER STANDARD, Album, 5./6.6.2004)

Barbara Sichtermann schreibt regelmäßig für die ZEIT und lebt als freie Autorin und Publizistin in Berlin.
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