Pizza backen, bügeln, "Tatort" schauen

8. Juli 2004, 12:06
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Die Väter haben sich verabschiedet - die Wirtschaft braucht sie nicht mehr - Von Dante Andrea Franzetti

Bösartige Lesarten sind leider meist die richtigen. Nach einer solchen Lesart erfüllt die moderne Frau - womöglich ungewollt - gerade ihre Mission, die Männer als Partner und Väter überflüssig zu machen. Sie tut es mit den besten Absichten, und nur einem Reaktionär fiele ein, diesen Vorgang zu denunzieren.

Es geht nicht um Schuld. Es geht auch nicht um voreilige Schlüsse über die "vaterlose Gesellschaft". Wer denkt, das Vaterprinzip oder auch das Männerprinzip sei für das Funktionieren von Wirtschaft und Gesellschaft unerlässlich, hat sich nicht umgesehen. In zunehmend flachen Hierarchien; bei Produktionsweisen, die Kommunikation an die oberste Stelle der Anforderungen rücken; in Systemen, in denen nur permanent erweiterte Netzwerke das Überleben sichern - sind die Frauen erheblich im Vorteil. Wenn sich diese Tatsache noch nicht in weibliche Übermacht umgesetzt hat, hängt es mit der Trägheit des Systems zusammen.

Schlimmer als jeder Mann

Oft hört man: Frauen müssten so werden wie Männer, um Karriere zu machen. Sie müssten männliche Rollenspiele und Unterwerfungsrituale erlernen; sie müssten Affekte so steuern, dass sie nur noch im Privatleben stattfänden; sie müssten Seilschaften gründen lernen, die Interessen bündeln, um sich in den Betrieben durchzusetzen. Sie würden dann (das sagen meist die Männer) "schlimmer und härter als jeder Mann", mit anderen Worten: Sie mutierten zum Übermann. Der größte Irrtum an dieser These ist die Vorstellung, die - gewiss! - von Männern geschaffenen Strukturen seien unwandelbar.

Das ist nicht der Fall. Nachdem einmal die gröbsten Vorurteile gegen Frauen im Erwerbsleben überwunden waren - etwa, dass Frauen nur in dienenden Berufen taugten - haben nicht nur die zunehmend selbstsicheren Frauen sondern auch die anpassungsfähigen Männer jene Prinzipien gefördert, die als typisch weiblich gelten. Wenn Frauen an Karrieren gehindert werden, liegt es meist an der Obhut über die Kinder, an mangelnden staatlichen Strukturen wie Kinderkrippen und - womöglich noch - an der Resistenz des traditionellen Männertypus.

Ausgestorben

Den aber wird es bald nicht mehr geben. Der traditionelle Mann ist ein Produkt der traditionellen Familie, die nach und nach verschwindet, was die steigenden Scheidungsraten in ganz Europa eindrücklich belegen. Die am meisten verbreitete Familie wird bald vaterlos sein, angereichert womöglich durch Ersatzonkel und Freunde in wechselnder Konstellation.

Die Wirtschaft braucht die traditionelle Familie nicht, und kluge Chefs setzen sich als Erstes für para-familiäre Strukturen wie Horte und Freizeitanlagen für Kinder ein, um das volle Potenzial der Mitarbeiterinnen nutzen zu können. Die weibliche Emanzipation ist gerade in komplexen Wirtschaftssystemen von großer Bedeutung. Frauen hingegen, die solche Emanzipation auch als Widerstand gegen die Produktionsbedingungen auffassten, dürften enttäuscht sein, weil sich darin in keiner Weise mehr soziale Gerechtigkeit ergibt.

Erziehung

Nun kommt den meisten Männern und Vätern diese Entwicklung gerade recht. Unter Erziehung verstehen sie den Gang zum Fußballstadion, die Playstation und allenfalls Fischen. Wer den Affront an die eigene Männlichkeit einmal überwunden hat, von einer Frau verlassen worden zu sein, fügt sich genüsslich in das Patchworksystem, das den Männern aufgrund seiner Unverbindlichkeit enorme Vorteile bringt. Mit anderen Worten: Die Männer haben sich an diese Entwicklung gewöhnt und das Beste daraus gemacht. Margit Schreiner beschreibt diesen Vorgang, der im generalisierten Singlehaushalt endet, mit luzidem Sarkasmus. Man findet in ihren Texten Männer, die bügeln und Pizza backen lernen; die sich alleine, aber glücklich in den Sessel schmeißen, um sich den "Tatort" anzusehen; die ihr Leiden an Scheidung und fehlender Familie fruchtbar machen und nun beginnen, wie allein stehende Frauen zu funktionieren.

Solche anpassungsfähigen Männer sind gewiss eine Minorität, doch werden sie zunehmen, sobald Staat und Wirtschaft die alten Vorurteile abstreifen und dafür sorgen, dass das kreative und kommunikative Potenzial der Frauen gehörig ausgepresst und zur Gewinnmaximierung genutzt wird. Die Befürchtung, der Mann sei ein "Auslaufmodell" (wie viele Titel darüber haben allein Spiegel und Stern in den vergangenen fünf Jahren daraus gemacht?) - diese Befürchtung ist ebenso hysterisch wie die Angst vor der Frau als "Chefin". Die Gesellschaft korrigiert, wenn auch mit Verspätung, Entwicklungen, die sich zum Nachteil aller ergeben.

Persönliches

Ein Letztes, Privates: Ich glaube immer noch, dass Kinder Väter brauchen. Ich denke, dass es Väter gibt, die ihre wichtige Rolle wahrnehmen wollen, doch sie können es nicht mehr unter den traditionellen Bedingungen als "pater familiae" tun. Eine schnell wachsende Minderheit von Vätern hat begonnen, sich (ohne Frau) in seltenen, aber intensiven Phasen um die Kinder zu kümmern. Oft verbringen sie ihre Ferien und längeren Wochenenden mit der Nachkommenschaft und betreiben da eine Art "Intensivkurs".

Es kann sogar sein, dass dies die zukünftige Form der Familie schlechthin sein wird, selbst dann, wenn Frau und Mann noch zusammen sind. Wenn man die Entwicklung weiterdenkt, wird es in Zukunft weder traditionelle Mütter noch Väter geben. (DER STANDARD, Album, 5./6.6.2004)

Dante Andrea Franzetti ist Schriftsteller, er lebt in Zürich.
  • Artikelbild
    foto: quintessenz/lukas beck
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